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Interview

„Mediziner müssen lernen, Hierarchien zu hinterfragen“

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. (Ärztekammer Hamburg)

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ie Erkenntnis, dass Ärzte in besonderem Maße in die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes verstrickt waren, hat sich unter den heutigen Medizinern durchgesetzt. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die organisierte Ärzteschaft intensiv mit diesem Kapitel ihrer Geschichte. Mit Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, dem Präsidenten der Bundesärztekammer, sprach DAMALS-Chefredakteur Stefan Bergmann.

DAMALS: Herr Prof. Montgomery: Der 115. Deutsche Ärztetag hat im Mai 2012 in Nürnberg die Opfer der NS-Medizin offiziell um Entschuldigung gebeten und die „wesentliche Mitverantwortung von Ärzten an den Unrechtstaten
der NS-Medizin“ anerkannt. Das ist ein wichtiger Schritt der Vergangenheitsaufarbeitung. Aber seit Ende der nationalsozialistischen Diktatur sind bald 70 Jahre vergangen – war-um kommt diese Entschuldigung so spät?

Montgomery: Da fragen Sie eigentlich den Falschen. Ich gehöre zu einer jüngeren, kritischen Generation von Ärzten, die Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre in den Beruf gekommen ist und dann den älteren Kollegen irgendwann Fragen gestellt hat: warum sie sich nach dem Krieg der Diskussion über ärztliche Verbrechen während des Nationalsozialismus entzogen hatten und warum sie sich nicht zu den Fakten bekannten. Das mündete Ende der 1980er Jahre in Forderungen nach verstärkter Aufarbeitung der Vergangenheit. Bis das dann schriftlich festgehalten wurde und bis es endgültig in die Köpfe der Ärzteschaft vorgedrungen war, hat es lange gedauert. Es ist auch leichter geworden, mit dem Abtreten der älteren Generation diese Themen objektiver und offener anzugehen. Als wir 2012 unseren Ärztetag in Nürnberg veranstaltet haben, mussten wir natürlich inhaltliche Verbindungen zu dem Ort herstellen, an dem 1946/47 das amerikanische Militärtribunal den großen „Ärzteprozess“ gegen eine Reihe verantwortlicher Mediziner des Hitler-Regimes geführt hatte. Das Ergebnis des Ärztetages war die „Nürnberger Erklärung“. Darin haben wir uns zu den Verbrechen von Ärzten während des Nationalsozialismus geäußert und zur Verantwortung der Ärzte dafür bekannt.

DAMALS: Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Forschungsbericht „Medizin und Nationalsozialismus“, den die Bundesärztekammer bereits 2011 vorgelegt hat?

Montgomery: Dieser Bericht ist Teil unseres Versuchs, die Vergangenheit unseres Berufes aufzuarbeiten. Er stand aber nicht in direktem Zusammenhang mit der „Nürnberger Erklärung“.

DAMALS: Haben Sie gespürt, dass da bei manchen älteren Kollegen ein schwarzes Loch war, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus ging?

Montgomery: Das habe ich gespürt. Ich stamme ja selbst aus einer alten Arztfamilie. Da gab es an bestimmten Stellen einen diskussionsfreien Raum. Aber ich habe mich damit erst näher beschäftigt, als ich begann, mich in der Ärzteschaft politisch zu engagieren.

DAMALS: Wie beurteilen Sie die gerichtliche Aufarbeitung der Ärzteverbrechen im Nürnberger Ärzteprozess und den „Euthanasie“-Prozessen?

Montgomery: Ich finde es gut und wichtig, dass man damals relativ schnell die Ärzteschaft als Berufsgruppe mit ihren Verbrechen während des Nationalsozialismus konfrontiert hat. Die Ärzte sind ja eine der wenigen Berufsgruppen, die mit eigenen Prozessen zur Verantwortung gezogen wurden. Als Nicht-Historiker vermag ich allerdings nicht im Detail zu beurteilen, ob man die wichtigsten Täter erwischt hat. Die Ärzteprozesse hatten aber ein ausgesprochen positives Ergebnis. Das ist die „Deklaration von Helsinki“ vom Mai 1964. Diese versucht auf der Basis der Erkenntnisse aus den Prozessen, die ethischen Kriterien für die Forschung an lebenden Menschen festzulegen – während des Nationalsozialismus haben ja viele deutsche Ärzte ohne Rücksicht auf die Rechte der Betroffenen Menschenversuche durchgeführt. Die Deklaration ist Teil der Berufsordnung der Ärzte und auch Grundlage des Arzneimittelgesetzes. Dahinter steht der Weltärztebund, in dem die Bundesärztekammer seit über 50 Jahren Mitglied ist. Es ist übrigens ein Vertrauensbeweis, dass die Bundesärzte‧kammer damit beauftragt ist, die Revision der Deklaration von Helsinki für das 50. Jubi‧läum dieser Grundsätze vorzubereiten, das 2014 ansteht.

DAMALS: Worum geht es dabei?

Montgomery: Die Deklaration von Helsinki ist bereits mehrfach fortgeschrieben worden. Es ist zum Beispiel wichtig zu klären, unter welchen Bedingungen Arzneimittelversuche an nicht-einwilligungsfähigen Personen durchgeführt werden können, zum Beispiel an Kindern oder bei Alzheimer- und Demenzkranken. Ein weiteres Thema ist die zunehmende Auslagerung von Versuchen aus den industrialisierten Ländern in Länder, in denen – vorsichtig formuliert – Versuchspersonen zu günstigeren Bedingungen zur Verfügung stehen als bei uns. Dafür muss es klare Regeln geben.

DAMALS: In den vergangenen Jahren haben die Geschichtswissenschaft, aber auch medizinische Institutionen selbst mit Unterstützung von Historikern neue Erkenntnisse über ärztliches Tun und Versagen während des Nationalsozialismus zutage gefördert. Welches sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?

Montgomery: Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist, wie mit den jüdischen Ärzten umgegangen wurde. Es war entsetzlich, das zu sehen. Denn die Ärzteschaft ist ja durchaus durch den Standesgedanken und das Prinzip der Kollegialität geprägt, und es wird bei uns auch gerne von der Ärztefamilie gesprochen. Es gibt dazu eine Geschichte, die mir widerfahren ist, als ich 1994 Präsident der Ärztekammer Hamburg wurde. Da hat mir mein Vorgänger, der sich auch schon kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt hatte, den Schlüssel zum sogenannten Giftschrank im Zimmer des Präsidenten überreicht. Darin lag als zentrales Dokument die Liste der jüdischen Hamburger Ärzte mit dem genauen Datum, wann man ihnen die Approbation aberkannt und später auch noch das Privileg genommen hatte, als Krankenbehandler für die als Juden Gekennzeichneten tätig zu sein. Man beachte: Diese Liste wurde also 1994 noch als „Gift“ interpretiert.

DAMALS: Wie sind Sie damit umgegangen?

Montgomery: Nicht lange danach, aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Ärztekammer Hamburg, habe ich gesagt, dass wir nur auf 88 Jahre dieser Zeit stolz sein können. Und wir haben die Forschung der Historikerin Anna von Villiez gefördert, die in ihrem wunderbaren Buch „Mit aller Kraft verdrängt. Entrechtung und Verfolgung ‚nicht arischer‘ Ärzte in Hamburg 1933 bis 1945“ einen Teil dieser Geschichte aufgearbeitet hat. Die Liste haben wir übrigens dann dem Staatsarchiv übergeben.

DAMALS: Es waren doch auch materielle Gründe, die Ärzte dazu motivierten, sich für den Nationalsozialismus zu engagieren. Wie haben diese Ärzte vom Hinausdrängen der vielen jüdischen Kollegen aus dem Beruf profitiert?

Montgomery: Sie haben sehr davon profitiert, vor allem durch bessere Karrierechancen und gesellschaftliche Anerkennung. Der jüdische Bevölkerungsanteil der Deutschen betrug damals etwa ein Prozent, unter den Ärzten waren jedoch mehr als 15 Prozent jüdischer Abstammung. Zugleich gab es etwa 8000 Mediziner in Deutschland, die keine Beschäftigung hatten. Sie und andere besetzten sofort die Stellen, die durch das Hinausdrängen der jüdischen Berufskollegen frei wurden. Viele Ärzte verfolgten in dieser Zeit also handfeste Motive. Das ist auch daran ablesbar, dass von ihnen, bezogen auf andere Berufsgruppen, ein überproportional hoher Anteil Mitglied in der NSDAP, der SS oder der SA war.

DAMALS: Wie erklären Sie sich, dass viele Ärzte damals so systematisch, oft aus eigenem Antrieb und in voller Überzeugung gegen ihren Eid verstoßen haben, niemals etwas zum Schaden von Patienten zu tun?

Montgomery: Ich bin mit Urteilen dazu sehr vorsichtig. Wir, die wir mit der freien Rede und Angstfreiheit vor Autoritäten aufgewachsen sind, sind doch unglaublich privilegiert. Es ist deshalb schwer nachzuvollziehen, warum damals jemand so nach Anerkennung gestrebt hat, dass er unbedingt mitmachen wollte. Was den Verstoß gegen den ärztlichen Eid angeht, erkläre ich mir das so: Wenn man die seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Rassentheorie nimmt, die Menschen von vornherein in unterschiedlich wertvolle Rassen sortiert, was auch an den Universitäten gelehrt wurde, dann konnte man sich diesem Gedankengebäude gar nicht so leicht entziehen. Man wurde davon indoktriniert und merkte vielleicht überhaupt nicht, dass man gegen den Eid verstoßen hat. Außerdem: Wir wissen heute, dass der Krieg immer wieder dazu führt, dass ethische Standards außer Kraft gesetzt werden. Das darf nicht sein, aber es ist so.
Was können heutige Ärzte daraus lernen?

Montgomery: Wir müssen in der Ausbildung darauf achten, dass angehende Mediziner ethische Standards lernen, die immer gelten, völlig unabhängig davon, wer regiert. Wir müssen den Studenten Quellen zur Zeit des Nationalsozialismus zur Verfügung stellen und auch weiter Forschung zu diesem Thema fördern. Wir müssen an die jüdischen Kollegen erinnern. Jeder, der das Hamburger Ärztehaus betritt, kann zum Beispiel die Plakette sehen, die wir 2006 am Gebäude angebracht haben und die an das damalige Unrecht gegen die Kollegen erinnert, und sich damit auseinandersetzen. Und wir müssen dem medizinischen Nachwuchs beibringen, die Hierarchien im Medizinsystem nicht fraglos zu akzeptieren.

DAMALS: Wie meinen Sie das?

Montgomery: Der Beruf des Arztes ist relativ stark durch Hierarchien geprägt. Wir müssen lernen, immer wieder zu fragen, ob jemand durch Kompetenz seine höhere Stellung begründen kann oder nur durch die Position. Ärzte sind dem Wohl des Patienten verpflichtet. Das gilt heute auch in ganz anderer Form: Da kann es zum Beispiel wichtig sein, die Vorgaben der Klinikleitung zu hinterfragen, die vor allem ökonomisch motiviert sind, und gegebenenfalls einmal „Halt“ zu sagen.

DAMALS: Haben die Verbrechen deutscher Ärzte während des Nationalsozialismus auch Auswirkungen auf die immer wieder aufflammende aktuelle Debatte um Sterbehilfe?

Montgomery: Diese Debatte kann man ganz unabhängig von den damaligen Ereignissen führen. Man muss das zunächst von der Zieldiskussion her betrachten: Bei der „Euthanasie“ ging es darum, angeblich unwertes Leben auszulöschen, bei der heutigen Diskussion um Sterbehilfe geht es darum, persönliches Leid zu ersparen. Der Gedanke des unwerten Lebens ist uns heute völlig fremd. Abgesehen davon, dass die Bundesärztekammer gegen jede leichtfertige Verkürzung der Lebenszeit ist, müssen wir auch andere Meinungen zu diesem Thema respektieren. Klar ist, dass bei jeder Form des ärztlich assistierten Selbstmords die Tatherrschaft, also zum Beispiel die Einnahme eines tödlichen Medikaments, beim Patienten liegen muss.

Bild auf der Startseite: Karl Brandt, in der NS-Zeit Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, war Hauptangeklagter beim Ärzteprozess vor dem Nürnberger Militärgericht 1946/47. (Ullstein Bild / Chronos Dokumentarfilm GmbH)

Stefan Bergmann

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