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Erinnerungskultur und Legendenbildung um Gustav II. Adolf von Schweden

Der Held der Protestanten

Das protestantische Deutschland liegt am Boden – und helfen kann nur Gustav Adolf (Flugblatt auf seinen Einzug in Augsburg 1632). (Interfoto/Sammlung Rauch)

A

n der südlichen Außenwand des Greifswalder Doms, unscheinbar in einer Nische angebracht, findet sich ein Relief des schwedi‧schen Königs Gustav II. Adolf. Es erinnert an den 300. Todestag des Monarchen im Jahr 1932. Seine Verehrung als Held der Protestanten besaß in Greifswald zu dieser Zeit bereits eine lange Tradition. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb etwa der Dichter Ernst Moritz Arndt dem König die Rolle eines Retters des Protestantismus vor einem sich angeblich schleichend ausbreitenden „Jesuitentum“ zu. Das Denkmal am Greifswalder Dom ist nur ein Detail in
einer umfassenden Erinnerungskultur, die sich hierzulande um den einstigen Schwedenherrscher rankt. Was bewog und bewegt die Menschen nicht nur in Schweden, sondern gerade auch in Deutschland, dem vor Jahrhunderten Verstorbenen ein Denkmal zu setzen?

Die Erinnerung an bestimmte Ereignisse oder Personen entfaltet oft ein bemerkenswertes Eigen-leben, das bisweilen kaum mehr etwas mit der historischen Realität zu tun hat. Mythen und Topoi kommen auf und entwickeln eine Wirksamkeit, die stärker wiegen kann als die reinen Fakten. Seit den 1980er Jahren interessieren sich auch die Historiker verstärkt für dieses Phänomen und untersuchen die Entwicklung von „Erinnerungsorten“, ein Begriff, der nicht nur konkrete Plätze von historischem Rang meint; ein Erinnerungsort kann auch nur in der Vorstellungswelt der Menschen oder in der sogenannten kollektiven Erinnerung existieren, etwa in Form von Legenden oder Traditionen.

Auch unser Bild vom Schwedenkönig, der sein Land einst in den Dreißigjährigen Krieg hineinführte, ist stark von derartigen, oftmals lang im Nachhinein entstandenen Bildern geprägt. Gustav Adolf wurde und wird dabei stets in zweierlei Weise als herausragende Herrscherpersönlichkeit wahrgenommen: einerseits als Kriegsheld, andererseits als Beschützer der deutschen Protestanten in einer Zeit der Verfolgung und militärischen Bedrängung durch die kaiserlichen Heere. Das nachhaltigste dieser Bilder ist zweifellos letzteres.

Während das Bild vom erfolgreichen Kriegshelden nahezu unverändert die Zeitläufte überstand, erfuhr Gustav Adolfs Rolle als religiöser Schutzherr im Lauf der Jahrhunderte einen erheblichen Bedeutungswandel. Zwei Epochen kristallisieren sich als besonders wirkmächtig in Sachen Erinnerung heraus: zum einen Gustav Adolfs Lebzeiten, zum anderen das Jahrhundert zwischen den 1830er und den 1930er Jahren. Und zwei in Sachsen gelegene Stätten waren als Erinnerungsorte für die deutsche (aber auch die schwedische) Öffentlichkeit in besonderer Weise prädestiniert: Breitenfeld und Lützen. Der Sieg, den die Schweden und Sachsen am 17. September bei Breitenfeld über das kaiserliche Heer unter Tilly errangen, stellte das entscheidende Ereignis dar, das den militärischen Vormarsch der Katholiken in Richtung Norden zum Halten brachte. Die Schlacht von Lützen im darauf‧folgenden Jahr steht für das größte Opfer, das der Schwedenherrscher in der Auseinandersetzung mit den Kaiserlichen bringen konnte – das eigene Leben.

Schon zu Lebzeiten wurde Gustav II. Adolf zur großen Hoffnung, zum vermeintlichen Retter der Protestanten im Heiligen Römischen Reich stilisiert. Es nimmt nicht wunder, dass gerade in Zeiten, als es um die Sache der Protestanten schlecht stand, ein Retter von auswärts sehnsüchtig erhofft wurde. Eine solche Situation war mit dem Ausgang der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, des Böhmisch-Pfälzi‧schen Krieges, Ende 1623 eingetreten. Den Tiefpunkt einer Reihe von Rückschlägen für die deutschen Protestanten stellte die Übertragung der Kurwürde Friedrichs V. von der Pfalz (der als Friedrich I. kurzzeitig auch König von Böhmen war) an das katholische Bayern dar. Innerhalb des in sich zerstrittenen protestantischen Deutschland war ein einigender Retter damals nicht in Sicht, ein Schein der Hoffnung zeigte sich jedoch beim Blick nach Norden. Hier hatte Gustav II. Adolf von Schweden sein Land erst kurz zuvor aus militärischer Bedrängnis befreit und seitdem allseits Reputation als erfolgreicher Reformer erlangt. Auch lag er mit seinem Cousin, dem katholischen König Sigismund von Polen, im Krieg und war zudem bestrebt, mit seinem Bruder einen Lutheraner auf dem russischen Zarenthron zu installieren. Viel sprach also dafür, dass die Rolle eines protestantischen Helden für Gustav Adolf maßgeschneidert war.

Schon früh entstand eine protestantische Publizistik, die Gustav Adolf gern mit seinen Truppen im Reich gesehen hätte. Als einer unter vielen äußerte etwa der kurpfälzische Politiker und Publizist Ludwig Camerarius am Weihnachtstag 1623 – Jahre bevor der König tatsächlich in den Dreißigjährigen Krieg eingriff –, Gustav Adolf werde den Protestanten zu Hilfe eilen und deren schon fast verloren geglaubte Sache im Reich wenden. Seine Tugend, Frömmigkeit, Klugheit und Tapferkeit suchten in Europa ihresgleichen, wie Camerarius in blumigem Latein formuliert: Non possum satis laudare heroicas illius Regis virtutes, pietatem, prudentiam, fortitudinem, profecto sine pari est in tota Europa. Es blieb nicht aus, dass von katholischer Seite eine Gegenpropaganda einsetzte, die Gustav Adolf als Gotteslästerer und Barbaren verunglimpfte...

Prof. Dr. Martin Krieger

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