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Helden der Arbeit

Der rennt wie Hennecke...

Am 13. Oktober 1948 förderte Adolf Hennecke an einem Tag 24,4 Kubikmeter Steinkohle. Das Foto links zeigt den „Helden der Arbeit“ bei seinem Rekord. (Bundesarchiv/Foto: Hensky, Bild 183-R79917)

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ie Rekordschicht des Hauers Alexei Stachanow, der am 31. August 1935 einen neuen Arbeitsrekord aufstellte, initiierte die nach ihm benannte Helden-Bewegung. Sie verfolgte nicht nur das Ziel der Steigerung der Arbeitsproduktivität, sondern förderte auch den Einsatz rationeller Arbeitsmethoden.

Alexei Stachanow wurde am 3. Januar 1906 als Sohn einer Bauern‧familie geboren. Seit 1927 arbeitete er im ukrainischen Donezk als Bergarbeiter. Bis Stachanow seinen Rekord aufstellte, war er ein gewöhnlicher Hauer in einer der zahlreichen Kohlengruben der Region gewesen. Sein Leben änderte sich grundlegend am 31. August 1935, als er zusammen mit zwei weiteren Hauern einen Rekord aufstellte, der die durchschnittliche Tagesleistung bei der Kohlegewinnung 13fach übertraf.

Tatsächlich war die Rekordleistung Stachanows im Vorfeld sorgfältig geplant und der Arbeitsplatz entsprechend vorbereitet worden. In einer aufwendigen Kampagne inszenierten Parteileitung und Gewerkschaften Stachanow zum vorbildlichen Arbeiter. Das Konzept der sowjetischen Führung war deutlich: Durch seine besondere, selbstlose Leistung für die sozialistische Gesellschaft ragte Stachanow aus der Masse heraus. Die Stachanow-Bewegung sollte zum auslösenden Element eines neuen Arbeitsethos werden.

Die 24,5 Meter hohe Skulptur des Arbeiterpaars „Kolchosbäuerin und Arbeiter“, die die Künstlerin Vera Muchina für die Pariser Weltausstellung 1937 schuf, wurde zum nationalen Symbol für die „werktätigen Helden“. Sie prägte sich den Besuchern der Pariser Weltausstellung 1937 als Sinnbild für das Kräftemessen zwischen den faschistischen und den kommunistischen Staaten ein. Der deutsche und der sowjetische Pavillon auf der Pariser Weltausstellung standen sich am rechten Seine-Ufer gegenüber. Von einem trutzburg‧artigen Turm aus sah ein Adler mit einem Hakenkreuz auf das sowjetische Arbeiterpaar herab.

Das geteilte Deutschland der Nachkriegszeit stand 1948 ganz im Zeichen des Wettstreits zwischen dem westlichen kapitalistischen und dem östlichen sozialistischen Gesellschaftssystem. Beide deutsche Staaten strebten nach einem raschen Wiederaufbau der zerstörten Städte und Fabriken. Die sowjetische Besatzungszone litt unter den Folgen der Demontage durch die Sowjetunion. Als Reparationsleistungen wurden in vielen Wirtschaftsbereichen Betriebe demontiert und große Teile der Konsumgüterproduktion an die Sowjetunion abgeführt. Dagegen unterstützten die westlichen Staaten die von ihnen besetzten Gebiete mit dem neugegründeten Marshall-Plan, um einen raschen Wiederaufbau zu ermöglichen.

Nach dem Vorbild Stachanows baute auch die DDR eine Heldenfigur auf, die durch herausragende Übererfüllung des Arbeitssolls für Leistungssteigerungen im Sinne des Sozialismus werben sollte. „Mehr produzieren, gerechter verteilen, besser leben!“ hieß die Losung, die beim II. Parteitag der SED 1948 ausgegeben wurde. Der wirtschaftliche Aufbau sollte aus eigener Kraft durch Arbeitseinsatz und die Optimierung der Arbeitsprozesse erreicht werden.

Der neue Held Adolf Hennecke stammte ursprünglich aus Westfalen. Er arbeitete seit 1926 als Bergmann in Sachsen. Die Rekordschicht Adolf Henneckes am 13. Oktober 1948 wurde – wie jene Stachanows – gründlich vorbereitet. Hennecke fuhr in den Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers ein und förderte in dieser Schicht 387 Pro-zent des Plansolls: 24,4 Kubikmeter Kohle. Wenige Tage nach seiner Rekordschicht schufen die Medien den neuen Helden Adolf Hennecke. Ein Dokumentarfilm brachte die Bilder seiner Tat in die „Wochenschau“. Jubelnde Funktionäre und Kumpel bereiteten dem erschöpften Helden einen begeisterten Empfang. Hennecke erhielt für seine Heldentat neben Vergünstigungen und Sachleistungen ein Auto und eine gutausgestattete Wohnung; ein Luxus, der für normale DDR-Bürger erst nach vielen Jahren Wartezeit erreichbar war. Mit seiner Tat spaltete Hennecke die Arbeiterschaft. Für die einen war er der gefeierte Held, der Anerkennung und Lob erntete. Sie schrieben ihm Briefe und Gedichte und feierten ihn als sozialistischen Helden. Für die anderen stand er für höhere Leistung bei gleichem Lohn. Ihm wurden die Fensterscheiben eingeworfen und die Reifen seines neuen Autos zerstochen. Seine ehemaligen Kollegen verurteilten ihn als Verräter und Akkordbrecher.

Henneckes Heldentat ging schon bald in den Sprachgebrauch der DDR ein. Sätze wie „Es gießt wie Hennecke“, wenn es stark regnete, und „Der rennt wie Hennecke“ bei einem, der es eilig hatte, gehörten zur Sprache des Alltags. Seine Normübererfüllung wurde zum Auslöser der sogenannten Hennecke-Bewegung. Der Jahrestag der bahnbrechenden Tat Adolf Henneckes wurde in der DDR als Tag der Aktivisten gefeiert. Und Hennecke machte Karriere: Er wurde Mitglied der Volkskammer und gehörte bis zu seinem Tod 1975 dem Zentralkomitee der SED an...


Literatur:
Silke Satjukow / Rainer Gries (Hrsg.), Sozialistische Helden. Berlin 2002.
Robert Maier, Die Stachanov-Bewegung 1935 –1938. Stuttgart 1970.
Christoph Kleßmann, Arbeiter im „Arbeiterstaat“ DDR. Bonn 2007.

Willi Kulke

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