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Museum Alexandrowka

Dörfliches Russland in Potsdam

Hier ist das Museum untergebracht: Haus Nr. 2 der „Alexandrowka“. (Bildnachweis: Bildarchiv des Museums Alexandrovka / Foto: Elena Tchernodarov)

V

on einem Besuch in St. Petersburg im Jahr 1818 brachte Friedrich Wilhelm III. auch Pläne mit nach Potsdam, die der italienische Baumeister Carlo di Giovanni Rossi für das Ende des 17. Jahrhunderts erbaute und heute nicht mehr existierende Parkdorf Glasowo in Pawlowsk bei St. Petersburg gezeichnet hatte. Für die Häuser in Glasowo hatte zwar das russische Bauernhaus Pate gestanden, doch wurden dessen einfache Schmuckelemente durch reichdekorierte Zierbretter und Zierleisten verfeinert, wie es eher dem höfischen Geschmack entsprach.

Vom überraschenden Tod Zar Alex-anders 1825 tief getroffen, machte sich Friedrich Wilhelm sogleich dar-an, auf der Grundlage der Pläne Rossis und des königlich-preußischen Gartendirektors Peter Joseph Lenné ein Memorial für seinen verehrten Freund zu errichten. Innerhalb nur eines Jahres wurden sechs zweistöckige und acht einstöckige Häuser mit Hofraum, Ställen und Umzäunung erbaut. Die Blockhausbauweise wurde nur fingiert: Man baute Fachwerkhäuser, die mit einer Verschalung aus Rundbohlen versehen wurden. Die Balkone hatten zunächst nur Schmuckfunktion und konnten erst in späteren Jahren betreten werden. Dazu entstanden mit Obstbäumen bepflanzte Gärten und weitläufige Grünanlagen. Einige Jahre länger zog sich der Bau der zum Ensemble gehörigen „Alexander-Newski-Kirche“ hin, der ältesten russisch-orthodoxen Kirche in Westeuropa. Heute ist die „Alexandrowka“ das einzige erhaltene Beispiel für den Bautyp des romantisierenden russischen Bauernhauses weltweit. 1999 wurde das Dorf als wichtiger Bestandteil der Potsdamer Kulturlandschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Das Museum befindet sich in dem restaurierten Haus Nr. 2 der Kolonie. Soweit möglich wurde der Originalzustand von 1827 wiederhergestellt – so ist das Haus Hauptobjekt der Ausstellung. Im Eingang ermöglicht ein „Zeitstrahl“ die historische Einordnung der Kolonie. In den Räumen finden sich Informationstafeln und interessante Objekte zu Entstehung und Geschichte der „Alexandrowka“ bis zur Gegenwart, zu ihren Vorbildern, der Freundschaft zwischen den Monarchen, zur Lenné'schen Gartenanlage und zu den Geschicken der Bewohner. Und die muten wahrlich abenteuerlich an, denn es waren ehemalige russische Kriegsgefangene, die zuerst die Kolonie bewohnten.

Nur einmal hatte Friedrich Wilhelm III., gezwungen durch die poli-tischen Machtverhältnisse, ein Bündnis mit dem verhassten Frankreich gegen Russland eingehen müssen. Bei Napoleons Russland-Feldzug 1812 wurden so auch preußische Truppen eingesetzt, die insgesamt 2500 russische Soldaten gefangen nahmen und nach Berlin brachten. Einige der Russen fielen wegen ihrer schönen Stimmen auf, aus ihnen wurde ein „Sängercorps“ gebildet. Ein preußisches Regiment wies Friedrich Wilhelm später dem Zaren zum Ausgleich zu, während die russischen Soldaten und mit ihnen die Sänger als Angehörige der preußischen Armee in Potsdam blieben. Ein Teil von ihnen sowie deren Familien wurden zu den ersten Bewohnern der „Alexandrowka“. Über ihr untadeliges Verhalten wachte ein Aufseher, waren die Kolonisten doch weiterhin dem preußischen Dienstreglement unterworfen. Im später als „Königliches Landhaus“ bezeichneten Bau wurde im ersten Stock ein Teezimmer eingerichtet, in dem Friedrich Wilhelm sich mit seiner Familie gern aufhielt und Gäste empfing.

Die Bewohner erhielten nur geringen Sold und sollten durch ihre Bauernstellen zu Selbstversorgern werden. Das gesamte Inventar war ebenso kostenlos wie die Wohnung. Allein, diese Soldaten, und hätten sie auch noch so schöne Stimmen gehabt, waren keine Bauern, und so ging das Experiment gründlich schief. Es fehlten die nötigen Kenntnisse, dazu verwüsteten die häufigen Überschwemmungen die Anbauflächen. Für die ursprünglich geplante Viehhaltung waren die Wiesen zu klein. Schon bald konnten sich die Bewohner nicht mehr ernähren und griffen zu anderen Mitteln: Sie vermieteten oder verpachteten ihr Gartenland und einen Teil ihrer Wohnungen. Zuerst kamen Sommergäste aus Berlin, dann stellten sich dauerhafte Mieter ein. In jedem Haus lebten schließlich mehrere Familien unter einem Dach.

In manchen Familien, zumal, wenn sie kinderreich waren, herrschte bit‧tere Armut, wie die zahlreichen Bittschriften an den Monarchen zeigen. Außerdem musste der Aufseher häufiger über gewalttätige und trunksüchtige Ehemänner berichten. Einige Frauen versuchten, durch Klein‧gewerbe etwas zum Familieneinkommen beizusteuern. Besonders schwierig war die Situation für Witwen. Nach dem von Friedrich Wilhelm III. festgelegten Erbrecht durften nur männliche Nachkommen erben; Witwen, die diesen nicht zu bieten hatten, mussten die Hofstelle, die ja immerhin einen sicheren Wohnplatz bot, verlassen. Ebenso verfuhr man, wenn eine Witwe neu heiratete.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lebenssituation der Kolonisten weiter, denn nun mussten sie für Instandsetzungen und das Inventar selbst aufkommen. Zunehmend verlor das Dorf seine russischen Bewohner – nur von zweien der ursprünglichen Familien leben die Nachfahren bis heute in der Kolonie, denn frei gewordene Stellen wurden an preußische Kriegsinvaliden vergeben. Die Gebäude überstanden unbeschadet den Zweiten Weltkrieg und wurden von 1945 bis 1949 Unterkunft für Soldaten der Roten Armee. Zu DDR-Zeiten wurden die Gartenparzellen neu aufgeteilt und sechs Hofstellen für den Erwerbsgartenbau an parteigenehme Bewerber vergeben. Der Plan, aus der „Alexandrowka“ eine Hotelanlage zu machen, wurde zum Glück nicht weiter verfolgt. Eine grundlegende Restaurierung der Häuser und die Wiederherstellung der ursprünglichen Grünanlagen konnten aber erst 1990 bis 1997 durchgeführt werden. Nach dem Museumsbesuch kann der Besucher im russischen Restaurant einkehren.


Museum Alexandrowka
Russische Kolonie Nr. 2, 14469 Potsdam
Tel. + 49/(0)331/8170203
Fax + 49/(0)331/8170206

http://www.alexandrowka.de

Öffnungszeiten:
Winter: Dienstag bis Sonntag 11 –17 Uhr
Sommer: Dienstag bis Sonntag 10 –18 Uhr



Luise, Zar und Teufel - Europäische Russlandbilder im Museum Alexandrowka

Vom 28. März bis zum 23. Mai 2010 zeigt das Museum Alexandrowka eine Kabinettausstellung mit außerordentlich seltenen europäischen Russlandbildern.

Die Exponate stammen aus einem großen Bilderschatz von 480 Kunstblättern, die der russische Jurist, Graphk-Kenner, Volksbilderbögen- und Rembrandt-Sammler Dmitrij Alexandrowitsch Rovinskij (1824-1895) als „Materialien für eine russische Ikonographie“ zusammengetragen hat.

Luise, in Preußen die „Königin der Herzen“, erscheint auf den in der Alexandrowka gezeigten Auswahl aus den politisch-satirischen Blättern des Sammlers Rovinskij in einem ganz anderen Licht. Die Königin der Herzen mutiert zur martialischen Amazone und zum Potsdamer Drachenweibchen. Die unterhaltsamen Meisterwerke zeigen mit nur wenigen Strichen nicht nur die agierenden Personen, sondern gleich mit diesen die widersprüchliche europäische Wirklichkeit. Das facettenreiche Russlandbild erschließt sich dem Betrachter der Sammlung, aber aus unterschiedlichen Perspektiven. Russische, deutsche, holländische, englische und französische Künstler widmen ihre Meisterwerke dem Russlandthema.

Dr. Heike Talkenberger

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DAMALS  11 / 2017

DAMALS Ausgabe 11/2017

Juden in Palästina. Der Zionismus und die frühen Einwanderer.

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