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Geschichte(n) ausgestellt (Serie, Teil 3)

Römer und Kelten im Museum

S

pielleidenschaft kannten schon die alten Römer, ebenso wie Spielbetrug. Deshalb benutzte man zuweilen Würfeltürme (turricula oder pyrgus genannt), die eine Manipulation der Würfel ausschlossen. Unweit von Vettweiß-Froitzheim im Kreis Düren (Nordrhein-Westfalen), wo sich eine reichausgestattete römische Villa befand, wurden 1983 mehrere gut erhaltene rechteckige Kupferbleche gefunden. Sie bilden die Teile eines Spielgeräts, eines Würfelturms. Im LVR-LandesMuseum Bonn, in dem es auch ausgestellt ist, rekonstruierte man das Stück, das nun 22,5 Zentimeter hoch und 9,5 Zentimeter breit ist (siehe Abbildung rechts). Obwohl die Würfeltürme vielfältig literarisch und durch Darstellungen bezeugt sind, hat neben unserem Würfelturm nur noch ein Objekt dieser Art die Zeiten überdauert: als Grabbeigabe im nubischen Qustul (Ägypten). Heinz Günter Horn hat ausgeführt, dass der ungewöhnliche Fund sowohl Einblick in römisches Alltagsleben als auch in politische Zusammenhänge gewährt.

Ursprünglich verzierten das Turmdach Zinnen und vier bronzene Pinienzapfen. Im Inneren bilden gefalzte Bleche eine Art Treppe, über die die Würfel rollten. An deren Ausgang sind zwei springende Delphine angebracht, die Glöckchen im Maul trugen: Diese klingelten, wenn die Würfel herausrollten. Alle äußeren Blechstücke unseres Würfelturms sind durchbrochen gearbeitet: Kreis- und Kreuzmuster schmücken das Objekt, das man wegen seiner stilistischen Eigenheiten auf das 4. Jahrhundert n. Chr. datiert.

Oft wurde mit Hilfe des Würfelturms das „Zwölf-Buchstaben-Spiel“ gespielt: Auf ein Spielbrett waren Buchstaben oder Buchstabengruppen gezeichnet. Je sechs Buchstaben konnten ein Wort, sechs Wörter einen Sinnspruch ergeben. Mit zwölf Spielsteinen zog man je nach den Würfel-augen über die Felder. Die wertvollen Materialien dieses Turms, aber auch des in Ägypten gefundenen – er ist silberbeschlagen – zeigen, dass das „Zwölf-Buchstaben-Spiel“ nicht nur in den Unterschichten beliebt war. Benutzt wurde unser Würfelturm fleißig, wie die vielen Gebrauchsspuren beweisen.

Dass der Turm im Zusammenhang mit diesem Spiel verwendet wurde, zeigen seine beiden Inschriften. Auf der Rückseite ist zu lesen: „VTERE/FELIX/VIVAS“ („Benutze [ihn], Glücklicher! Du sollst wohl leben!“). Auf der Vorderseite aber befindet sich ein Hexagramm, das heißt ein Text aus sechs Wörtern mit je sechs Buchstaben. Es lautet: „PICTOS/VICTOS/HOSTIS/DELETA/LVDITE/SECVRI“ („Die Pikten sind besiegt; der Feind ist vernichtet. Spielt unbekümmert“). Während der erste Spruch darauf hindeutet, dass der Würfelturm ein Geschenk war, eröffnet der zweite Sinnspruch unversehens einen politischen Horizont: Angesprochen wird der Kampf der Römer gegen die aufständischen Pikten, die in Schottland, also im Norden der römischen Provinz Britannien, beheimatet waren.

Der römische Name picti bedeutet „die Bemalten“. Vermutlich meint diese Bezeichnung die Sitte, sich zu tätowieren. Über die Kultur der Pikten ist nicht viel bekannt; erhalten geblieben sind von ihnen Bildsteine und Stelen mit reicher Ornamentik, die zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert entstanden. Gegen die Römer hatten sich die Pikten wiederholt erhoben, den Hadrianswall überwunden und das Land geplündert, mehrfach konnten die Römer den Gegner, der sich zuweilen mit anderen Aufständischen verbündet hatte, zurückschlagen. Als Bezugspunkt für unsere Inschrift bieten sich zwei Auseinandersetzungen an, die sich im 4. Jahrhundert ereigneten: entweder der Piktenkrieg des Kaisers Constans in den Jahren 342/43 oder die mühsamen, aber letztlich erfolgreichen Kämpfe des Theodosius, dem es 368/ 69 gelang, die Ruhe im nördlichen Grenzland wiederherzustellen. Der Turm kann also auch als ein Siegesdenkmal der Römer gegen einen ihrer Widersacher gesehen werden!

Dr. Heike Talkenberger/Dr. Marlene P. Hiller

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DAMALS  02 / 2017

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