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Mythos und Wahrheit: Arminius

Der Befreier Germaniens

A

rminius, der ruhmreiche Held der Varusschlacht, wurde Jahre nach seinem großen Erfolg von einem Verwandten ermordet. Über ein Jahrhundert später schrieb der römische Autor Tacitus, dass Arminius „ohne Zweifel der Befreier Germaniens“ gewesen sei und seine Taten noch heute bei den Germanen besungen würden. Die Dynastie des Arminius war da längst untergegangen. Wenn Tacitus schreibt, dass Arminius in den Erzählungen „noch heute“ fortlebe, dann meinte er selbstverständlich die Erzählungen seiner Zeitgenossen. Doch er sollte im weiteren Sinne recht behalten, denn Armi‧nius hat auch bis in unsere Gegenwart nichts an Aktualität eingebüßt, wenngleich die Heldenlieder mittlerweile deutlich verhaltener gesungen werden als noch vor 100 Jahren.

Mit seiner Bemerkung, dass Arminius der Befreier Germaniens gewesen sei, lieferte Tacitus selbst den Anstoß für die späteren Heldenlegenden. Der Held Arminius war längst vergessen, als der Humanist Ulrich von Hutten im Jahr 1515 die gerade erst acht Jahre zuvor wieder entdeckten „Annalen“ des Tacitus las. Von Hutten war von der Lektüre elektrisiert: Er sprang vor allem auf die Rede vom „Befreier Germaniens“ an. Hier fand er das Leitbild seines ideologischen Kampfs gegen das päpstliche Rom und ließ den 1500 Jahre zuvor verstorbenen Arminius wieder auferstehen, der fortan als Untoter durch die deutsche Geschichte geisterte – einer Geschichte, die davon beseelt war, einer in ihrem Selbstverständnis zweifelnden Nation eine eigene Identität und einen sicheren Platz in der Geschichte Europas zu geben.

Der Mythos von Arminius und dem germanischen Befreiungskampf hat seine Wurzeln in der Geschichtschronik des Tacitus, doch von den historischen Quellen hat er sich längst entfernt. Es ist deshalb wieder angebracht, sich der eigentlichen Quellen zu vergewissern und die Frage nach der historischen Realität zu stellen. Welches Bild können wir auf Grundlage heutiger Erkenntnisse von Arminius wirklich zeichnen? Darum soll es hier gehen.

Ohne die Schriften griechischer und römischer Autoren wüssten wir heute nichts mehr von Arminius und der Varusschlacht. Zwar wurde Arminius des Öfteren mit dem mythischen Siegfried in Verbindung gebracht, doch gibt es hierfür keine gesicherten Anhaltspunkte, so dass diese Gleichsetzung zunächst nur Spekulation bleibt. Der Zugang zu der historischen Person des Arminius kann nur über die antiken Berichte erfolgen – und diese sind denkbar schütter. Es sind heute die Schriften von 13 Autoren überliefert, die auf die Varusschlacht eingehen, zum Teil nur in denkbar knappen Passagen. Von diesen war einzig der römische Offizier Gaius Velleius Paterculus in den Jahren vor und nach der Varusschlacht an Kämpfen der Römer in Germanien beteiligt. Er kannte wahrscheinlich sowohl Varus als auch Arminius persönlich und ist damit ein Kronzeuge, wenn schon nicht der Varusschlacht, so doch für die historischen Ereignisse der Zeit und ihre Akteure. Die anderen Autoren schreiben alle aus geographischer und zeitlicher Ferne. Sie haben ihre Informationen aus unbekannter Quelle. Die unterschiedlichen Versionen der Vorgänge lassen zudem darauf schließen, dass viele Autoren aus unsicherer Quelle berichteten.

Arminius selbst hatte für die meisten Autoren keinen Nachrichtenwert, oder er war ihnen unbekannt. Es sind wiederum Tacitus und Velleius Paterculus, denen wir die wenigen Informationen zu seiner Person verdanken. Der eine schrieb seine Erinnerungen an die Geschehnisse rund 20 Jahre später auf, der andere trug rund 100 Jahre später fremde Informationen zusammen. Beide berichten für einen Römer erstaunlich positiv über den Germanen Arminius, folgten die antiken Autoren bei Beschreibungen von Germanen doch meist den stereotypen Barbarenbildern der römischen Hochkultur. Aber beide Autoren verfolgen mit ihrer Darstellung auch ein politisches Programm. Velleius Paterculus baut Arminius zum glanzvollen Gegenspieler des Varus auf, um letztlich damit die Bedeutung des von ihm bewunderten Tiberius zu erhöhen. Tacitus' Anliegen wiederum ist es, den Niedergang der sittlichen Werte im Rom seiner Tage anzuprangern und seinen römischen Lesern die Germanen als „edle Wilde“ mit ihrer Freiheit, Tugend und Tatkraft vorzuhalten. Schon hier drängt sich der Verdacht auf, dass der „Freiheitskämpfer“ Arminius weniger einem historischen Urteil als Propaganda-Rhetorik entspringt...

Dr. Stefan Burmeister

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DAMALS Ausgabe 12/2017

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