eit der Mitte des 19. Jahrhunderts gewann der Prozess der Industrialisierung spürbar an Fahrt. Im Deutschen Reich erhielt der Aufschwung nach der Reichsgründung von 1871 einen besonderen Auftrieb. Befeuert durch das Hochgefühl der erreichten nationalen Einheit, die Vereinfachung des innerdeutschen Handels und insbesondere durch den immensen Zufluss an Geld durch die Reparationszahlungen, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg zu zahlen hatte, kam es zu einem wahren Gründungsboom.
Menschen strömten vom Land in die Städte, um in den neuen Fabriken Arbeit zu finden. Für sie wurden, oft auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese“, neue Stadtviertel als Wohnquartiere errichtet. Das aufstrebende Bürgertum stellte seinen erreichten Wohlstand in Villenvierteln baulich zur Schau. In Architektur und Inneneinrichtung war der sogenannte Historismus der bevorzugte Stil, der sich durch Rückgriffe auf Stilelemente vergangener Epochen auszeichnete. Neogotische Fassaden erhielten durch Erker, Zinnen und Türmchen eine mittelalterliche Anmutung. Industriell gefertigtes Mobiliar mit Muschelaufsätzen und Säulenelementen im Stil der Neorenaissance schmückte die Wohnräume.
In Berlin-Mahlsdorf, rund 30 S-Bahn-Minuten vom Alexanderplatz entfernt, lebt die Atmosphäre jener Tage wieder auf. Hier befindet sich in den Räumen eines um 1815 erbauten und seit der „Wende“ in mühevoller Arbeit liebevoll renovierten Gutshauses eine der bedeutendsten europäischen Sammlungen gründerzeitlichen Mobiliars, ergänzt durch eine beeindruckende Zahl an größtenteils funktionsfähigen Musikmaschinen, Grammophonen und Phonographen. Im Rahmen einer Führung wird man durch originalgetreu eingerichtete Zimmerfluchten geleitet und erfährt dabei Wissenswertes und Vergnügliches über die Lebens- und Gedankenwelten des kaiserzeitlichen Deutschland.
Ein besonderes Highlight stellt die vollständig erhaltene Inneneinrichtung der „Mulackritze“ dar, der letzten Kneipe aus dem Berliner Scheunenviertel, die das „Milljöh“ eines Heinrich Zille widerspiegelte. Bis zur Schließung des Lokals durch die DDR-Behörden im Jahr 1951 hatten dort neben Arbeitern und Dirnen auch Künstler, Schauspieler und Literaten wie Claire Waldoff, Bertolt Brecht, Gustav Gründgens und die junge Marlene Dietrich zu den Gästen gehört. Ebenfalls aus diesem Etablissement stammt die „Hurenkammer“, die einen Eindruck vermittelt vom Arbeitsumfeld und -alltag der Prostituierten jener Zeit.
Vorgestellt wird aber auch die Biographie von Charlotte von Mahlsdorf, die die Sammlung zusammengetragen und gegen die Widrigkeiten der Zeitläufte verteidigt hat. „Lottchen“, mit bürgerlichem Namen Lothar Berfelde, war ihres Zeichens der bekannteste Transsexuelle der DDR. 1928 in Berlin-Mahlsdorf geboren, entwickelte sie schon früh eine Vorliebe für alles Gründerzeitliche. 1958 rettete sie das vom Abriss bedrohte Guts‧haus und setzte es in Eigenarbeit und mit Unterstützung von Freunden so weit instand, dass 1960 die ersten zwei Räume des privaten Gründerzeitmuseums der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten.
Bis zur Wiedervereinigung widersetzte sich Mahlsdorf erfolgreich den zahlreichen Versuchen der DDR-Behörden, die Abtretung der Sammlung zu erreichen. Zum einen war den staatlichen Stellen die Existenz eines privaten Museums an sich ein Dorn im Auge. Zum anderen wollten sie sich die wertvolle Sammlung Charlotte von Mahlsdorfs aneignen, um sie gegen Devisen an Sammler im westlichen Ausland verkaufen zu können. Für ihre Beharrlichkeit und ihr Engagement wurde Charlotte von Mahlsdorf 1992 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
1995 schien jedoch das endgültige Aus für das Museum gekommen. Aufgrund anhaltender finanzieller Schwierigkeiten musste Mahlsdorf ihr Haus schließen. Unter der Trägerschaft eines Fördervereins konnte es 1997 wiedereröffnet werden. Im selben Jahr übersiedelte Charlotte von Mahlsdorf nach Schweden, wo sie in Porla Brunn, etwa 250 Kilometer westlich von Stockholm gelegen, ein neues „Jahrhundertwende-Museum“ aufbaute. 2002 verstarb sie unerwartet während eines Berlin-Besuchs. Mit einem Gedenkstein vor dem Gutshaus erinnert das Museum an seine unkonventionelle Gründerin.
Im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf verschmilzt so die Präsentation eines authentischen gründerzeitlichen Ambientes mit einer sehr persönlichen Facette deutscher Geschichtsschreibung zu einem lohnenden Ausstellungserlebnis.
http://www.gruenderzeitmuseum.de
Carsten Felker