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Bernhard Schneider

Christliche Armenfürsorge – Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters

Herder Verlag, Freiburg/Basel/Wien 2017, 480 Seiten, Buchpreis € 29,99, DAMALS 01 / 2018
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as Neue Testament schreibt über Arme und Armut Sätze von provozierender Wucht: Selig sind die Armen, denn sie werden Gottes Reich erben. Die Reichen verfressen ihren Lohn dagegen schon im Diesseits. Der Stachel solcher Jesus-Worte sitzt tief, seit die christlichen Kirchen keine Gegenbewegungen von Unterdrückten und Verfolgten mehr sind, sondern sich gut in der Welt eingerichtet haben. Bernhard Schneider beschreibt in seiner Gesamtdarstellung den christlichen Umgang mit einer Herausforderung, die nicht wirklich gelöst werden kann. Auch wenn sich das Buch auf Antike und Mittelalter konzentriert, denkt es aktuelle Sehnsüchte mit.

Die Lektüre führt zu biblischen Grundlagen des Armutsverständnisses, zu Bewältigungen der alten Kirche, zur Armenfürsorge im früheren Mittelalter. Die karitative Zuwendung und die Liebe zum Nächsten wurden immer wieder neu diskutiert und in Praktiken umgesetzt, so wie die Geschichte des Christentums ein Spiegel des historischen Wandels blieb. Angesichts des klaren biblischen Auftrags wurden in der Spannbreite von institutioneller kirchlicher Armenfürsorge und individueller Sorge des Menschen für den Menschen beständig neue Wege ausprobiert.

Höhepunkte markierten die Armutsbewegungen des Hochmittelalters. Nackt wollte man dem nackten Christus folgen, ein Gegenmodell entwickeln zur entstehenden bürgerlichen Geldwirtschaft, zur prachtliebenden Amtskirche. Aus der Fülle der Experimente leuchten die Bettelorden hervor. Die Ordensgründer Franziskus und Dominikus überzeugten durch ihr charismatisches Wirken und den Verzicht auf Besitz nicht nur viele Zeitgenossen, sondern beeindrucken noch heute.

Spätmittelalterliche Obrigkeiten schienen dagegen zu resignieren. Sie unterschieden zwischen würdigen Armen, die sie sich für das eigene Seelenheil hielten, und verfluchten Bettlern, die sie sich als Last vom Hals schafften. Wenn sich Armut schon nicht überwinden ließ, so sollte sie wenigstens beherrschbar bleiben. Erkennbar werden die Grenzen des Helfens.

Der katholische Kirchenhistoriker Bernhard Schneider legt ein großes und in Neuland zielendes Überblickswerk vor. In vielen sorgsamen Begriffs- und Methodenerklärungen verhehlt es seine Entstehung aus langjährigen Diskussionen eines Trierer Sonderforschungsbereichs nicht. Bis in die allzu knappe Zusammenfassung werden immer wieder die Ergebnisse von Kollegen referiert, und es wird betont, dass man eigentlich noch viele weitere Bücher zum Thema schreiben müsste. Man kann sich indes schon am vorliegenden erfreuen, zumal es der Verlag ausgezeichnet ausgestattet hat.

Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

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DAMALS  02 / 2018

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