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Uwe Rada

Die Memel – Kulturgeschichte eines europäischen Stromes

Siedler Verlag, München 2010, 368 Seiten, Buchpreis € 19,95
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O

b Schauplatz politischer Herrschertreffen und Erinnerungsort preußischer Vergangenheit, Teil deutscher Eroberungsphantasien oder Grenzfluss der russischen Exklave Kaliningrad: Unbestreitbar ist die Memel ein Strom mit Geschichte. Seine europäische Bedeutung und die historische Entwicklung seines Umlands sind die Schwerpunkte, die Uwe Rada in seinem neuen Buch „Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ setzt.

Bereits in der Vergangenheit beschäftigte sich der 1963 geborene Redakteur der „taz“ in Artikeln und zahlreichen Publikationen mit den Gebieten in Ostdeutschland und Osteuropa. Dabei rücken vor allem Wasserlandschaften und Flüsse in den Vordergrund seiner Betrachtungen. 2009 erschien im Siedler Verlag das Buch „Die Oder. Lebenslauf eines Flusses“.

Der neue Band Radas spannt einen weiten Bogen über die Geschichte der Memellandschaft und beeindruckt mit seinen Einblicken in ihre kulturelle Vergangenheit. Statt geowissenschaftlicher Informationen über den Flusslauf erwartet den Leser eine Reflexion beispielhafter historisch-kultureller Entwicklungen. Dabei ist der Grenzbegriff Signalwort und Leitfaden des Buchs zugleich. Deutlich wird dies bereits im ersten Kapitel, in dem sich der Autor kritisch mit der Beziehung zwischen den Deutschen und „ihrem verlorenen Osten“ auseinandersetzt. Unter der Überschrift „Staatenbildung und regionale Identitäten“ greift Rada pointiert einige wesentliche Stationen der wechselvollen politischen Geschichte angrenzender Länder auf, so etwa die Ansiedlung des Deutschen Ritterordens zur Missionierung der Prußen, die Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen ab 1386 oder die Herausbildung des mächtigen polnischen Adelsstandes. Aber nicht nur historische Ereignisse wie der Vertrag von Tilsit, dessen Verhandlungen 1807 auf einem Floß mitten auf der Memel stattfanden, werden behandelt. Auch Themen wie Literatur und jüdisches Leben an der Memel oder die Memel als Wasserstraße finden Berücksichtigung. In zahlreichen Auszügen aus Gedichten und anderen Quellen wie Liedern, Briefen, Reisebeschreibungen oder Propagandaschriften begegnen dem Leser unerwartet viele politische wie auch kulturelle Größen der europäischen Geschichte, aber auch unbekannte Einzelschicksale. Historische Bilder und farbige Fotos geben zudem einen Eindruck von der Naturlandschaft des Flusslaufs und den angrenzenden Städten.

Der Reiz der neuen Publikation Radas liegt vor allem im anschaulichen und lockeren Schreibstil des Journalisten. Der Band eignet sich als nützlicher Begleiter kulturell interessierter Reisender in der Memellandschaft wie auch für diejenigen, die generell eine anregende Einführung in die Welt an der Memel suchen. Um sich darüber hinaus mit den Besonderheiten des Flusslaufs und den historischen Entwicklungen der angrenzenden Länder vertiefend zu beschäftigen, ist trotz der chronologischen Zeitleiste am Ende des Buches ein Blick in zusätzliche Überblicksdarstellungen notwendig. Eine sehr aktuelle Auswahlbibliographie hilft dabei.

Philipp Meller

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