Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, 702 Seiten, Buchpreis € 29,99, DAMALS 06 / 2012
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reue bis zuletzt?
Ian Kershaw, einer der weltweit führenden Historiker zum Thema Nationalsozialismus, hat wieder ein voluminöses Buch vorgelegt, diesmal zur Geschichte der Deutschen in der Endphase des „Dritten Reiches“, genauer gesagt im Zeitabschnitt zwischen dem Attentat auf Hitler vom Juli 1944 und der Kapitulation Anfang Mai 1945. Eigentlich fehlte eine solche Synthese für diese Phase des Regimes bisher, eine Phase, in der die Gewalt noch einmal radikalisiert wurde und sich zusehends gegen die eigenen „Volksgenossen“ richtete.
Warum aber hielten Regime, Militär und ein erheblicher Teil der Bevölkerung bis zur letzten Minute durch, obwohl Deutschland in Schutt und Asche versank? Kershaw betont, dass das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zur NS-Herrschaft bereits deutlich erschüttert war, der Rückhalt für Hitler aber nach dem gescheiterten Attentat noch einmal für kurze Zeit zunahm.
Es waren jedoch andere Faktoren, die den Zusammenhalt weiter stärkten: die umfassende Kontrolle durch das Regime, die Zunahme der inneren Repression, die Angst vor den sowjetischen Kriegsverbrechen, die von Goebbels’ Propaganda maßgeblich geschürt wurde, aber auch die Furcht, für die NS-Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden. Etwas stärker, als der Autor es tut, sollte man den allgegenwärtigen Nationalismus der Deutschen, der im Krieg noch gesteigert wurde, als Faktor veranschlagen.
Innovativ ist das Buch auch deshalb, weil Kershaw das Schicksal der NS-Opfer, das in anderen Gesamtdarstellungen dieser Zeit eher vernachlässigt wird, in die Erzählung integriert. Das gilt insbesondere für die Evakuierung der KZ-Häftlinge, zumeist in „Todesmärschen“; andere Verbrechenskomplexe werden nur kurz gestreift. Die Bevölkerungsmehrheit hatte jedenfalls in dieser Zeit kein Interesse an den Leiden der Verfolgten.
Kershaw macht deutlich, dass das Regime bis kurz vor dem Einmarsch weitgehend funktionierte, also nicht schon Monate vorher Chaos herrschte. Die Kriegswirtschaft erreichte gar erst im Herbst 1944 ihre Höchstleistung, um dann stark abzufallen. Ende März/Anfang April 1945 stand das NS-System dann vor dem Kollaps. Nicht zuletzt wegen des politischen Versagens der militärischen Führungsschicht ging das Töten jedoch bis Mai weiter.
Ian Kershaw hat wieder ein wichtiges Buch vorgelegt, das trotz seines breiten Zuschnitts zu erheblichen Teilen aus den Archiven gearbeitet ist und die individuellen Schicksale der Deutschen mit Machtstrukturen und Entscheidungsprozessen verbindet. Wie immer ist auch dieses Werk lebendig geschrieben und gut übersetzt.
Prof. Dr. Dieter Pohl