Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2011, 411 Seiten, Buchpreis € 49,90, DAMALS 06 / 2012
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eographie – neu erfunden
Das 19. Jahrhundert brachte eine außerordentliche Erweiterung und zugleich Systematisierung räumlicher Kenntnisse. Wissenschaftler entwickelten neue Geographien, und dies betrifft sowohl die Fachsystematik als auch die Methodik und die Ausweitung der Regionen, die gezielt bereist und erforscht wurden. Diesen Vorgang aus disziplin- und geistesgeschichtlichem Blickwinkel zu verfolgen ist das Anliegen der Darstellung „Das Wissen von der ganzen Welt“ von Iris Schröder. Die Publikation beruht auf Schröders Berliner Habilitationsschrift.
Bei der Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie wird vielfach nur an Alexander von Humboldt gedacht; die Autorin kann aber nachweisen, dass die „Neuerfindung der Geographie“ im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert auch in anderen Ländern erfolgte und ein wesentlich breiter angelegtes Phänomen war. Die geographischen Gesellschaften, die Wissenschaftskommunikation mit Geselligkeit verbanden, sind Ausdruck dieser Entwicklung. Ihnen gilt das erste Hauptkapitel, das am Beispiel der Pariser „Société de Géographie“, der Londoner „Royal Geographical Society“ und der Berliner „Gesellschaft für Erdkunde“ zeigen kann, wie die Ideale einer Gelehrtenrepublik fortgeführt und zugleich Wissensvermittlung über globale räumliche Zusammenhänge gefördert wurden.
Der zweite Hauptteil gilt den bedeutenden, meist mehrbändigen Gesamtdarstellungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese leisteten eine Systematisierung dieses rasch zunehmenden räumlichen Wissens und bereiteten die Entstehung der Geographie als einer eigenständigen Universitätsdisziplin und als Schulfach vor. Hier wird der Methodenwandel von Spekulation und Buchwissenschaft hin zu einer systematischen Geländearbeit während gut geplanter Expeditionen vorbereitet, der die Forschungsreisen nun charakterisierte.
Am Beispiel Afrikas zeigt die Autorin danach die enge Verknüpfung zwischen der wissenschaftlichen Entwicklung der Geographie und der Wissensproduktion über den Kontinent, die vor dem Hintergrund des imperialen Kolonialismus Europas in Afrika erfolgte. Dabei rücken auch einzelne Akteure wie Mungo Park, Heinrich Barth oder David Livingstone in den Vordergrund. Die neuen Afrika-Karten dokumentieren den Fortschritt der Kenntnisse.
Interessanterweise blieb im Vergleich dazu die Weiterentwicklung des geographischen Wissens über Europa bescheiden, da der Kontinent geringeres globales Interesse fand und zudem bekannt zu sein schien. Tatsächlich lassen sich aber Zentren und Peripherien des Wissens und der Wissensproduktion feststellen. Hier schließt sich der Kreis, denn zu den Zentren der Wissensvermittlung gehören wieder die im ersten Hauptteil dargestellten Geographischen Gesellschaften.
Das dem Globalisierungsdiskurs und den Forschungen zum Raum verpflichtete Buch ist spannend zu lesen, eröffnet neue geistesgeschichtliche Zusammenhänge und regt zu weiteren Forschungsarbeiten an. Diese müssten allerdings zusätzliches Quellenmaterial, insbesondere geographische Überblicks- und Einzeldarstellungen, sowie weiteres Kartenmaterial erschließen und interpretieren.
Prof. Dr. Jörg Stadelbauer
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