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van Ess, Margarete/Rheidt,  Klaus (Hrsg.)

Baalbek – Heliopolis – 10 000 Jahre Stadtgeschichte

Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2014, 200 Seiten, Buchpreis € 39,95, DAMALS 07 / 2014
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er einmal Baalbek, die antike Ruinenstätte im Herzen der libanesischen Bekaa-Ebene, gesehen hat, wird wohl kaum das Bild vergessen, das dieser Ort dem Besucher zu bieten hat. Die Überreste beeindrucken schon durch ihre schiere Größe: Die sechs noch stehenden Säulen des Jupiter-Tempels ragen 20 Meter in den Himmel auf, der eigentliche Tempel ist über 100, das gesamte Heiligtum über 350 Meter lang. Etwas kleiner, dafür aber vorzüglich erhalten, ist der sogenannte Bacchus-Tempel, dessen reicher Bau‧dekor die einstige Pracht der Kultbauten lebendig werden lässt.

Dass Baalbek, das Griechen und Römer Heliopolis, die „Sonnenstadt“, nannten, mehr zu bieten hat als die beiden Hauptheiligtümer, das stellt dieser Band eindrucksvoll unter Beweis. Herausgegeben wurde er von Margarete van Ess, Wissenschaftliche Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, und Klaus Rheidt, Professor für Baugeschichte an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus.

Seit über 100 Jahren arbeiten deutsche Archäologen vor Ort. Die Anfänge der archäologischen Erforschung Baalbeks auf Initiative Wilhelms II. ergründet die Einleitung, die auch auf die kulturpolitische Bedeutung aufmerksam macht: Der Deutsche Kaiser sah sich im Wettbewerb vor allem mit England und Frankreich, die ihre Museen bereits mit spektakulären Funden aus Mesopotamien und Ägypten gefüllt hatten. Baalbek bot Berlin die Chance, den Rückstand zu verkürzen.

Die folgenden Beiträge sind in vier thematische Abschnitte gegliedert: „Baalbek und die nördliche Bekaa-Ebene“ gilt der Geographie und Siedlungsgeschichte des Raums und der Nutzung seiner natürlichen Ressourcen durch die Bewohner; „Die Götter von Heliopolis und ihre Tempel“ ist dem Jupiter-Heliopolitanus-Heiligtum und den übrigen Tempeln des Kultzentrums gewidmet; „Alltagskultur im Schatten der heliopolitani‧schen Götter“ beleuchtet das Leben im römischen Baalbek im Spiegel seiner materiellen Kultur; „10 000 Jahre Stadtgeschichte“ schließlich dringt in die Vergangenheit der Ruinenstadt ein, von der 700 Jahre währenden römischen bis zur islamischen Periode.

Bereits 1999 hatte Margarete van Ess, damals gemeinsam mit Thomas Weber, einen Sammelband zu Baalbek/Heliopolis herausgegeben. Die vorliegende Zusammenstellung ist nun nicht nur aktueller, sondern auch bei weitem umfassender und systematischer. Instruktiv sind gerade auch die diesmal zahlreichen Exkursionen über den Tellerrand der römischen Monumentalarchitektur von Heliopolis hinaus: etwa der Ausflug ins pannoni‧sche Carnuntum, wo im Areal östlich des Legionslagers das bis dato einzige sicher identifizierte Heiligtum für Jupiter Heliopolitanus freigelegt wurde, oder der Blick in die Wohnwelten der lokalen Oberschicht, den Klaus Rheidt anhand spätantiker Wohnhäuser wagt. Deren Mosaike bezeugen die immer noch sinnstiftende Funktion klassischer Bildung und Mythologie. Es folgt ein Streifzug durch die mittelalterliche und neuzeitliche Stadtgeschichte, die sich vor den Archäologen im Grabungsareal Bustan Nassif entrollt.

Am spektakulärsten sind aber weiterhin die zentralen Heiligtümer und besonders der große Tempel des Jupiter Heliopolitanus, über den wir in dem Band ebenfalls viel Neues erfahren. Angesichts der erstaunlich genauen Vorstellung, die wir mittlerweile vom Aussehen des Kultbaus haben, überrascht, dass wir praktisch nichts über seine Entstehung wissen: Wer gab den Tempel in Auftrag? Woher kamen die gewaltigen Ressourcen, die seine Errichtung verschlang? Angesichts des Schweigens textlicher Quellen müssen die Hoffnungen hier weiterhin auf der Archäologie ruhen.

Die Herausgeber und ihre Mitstreiter haben eine mustergültige Zwischenbilanz vorgelegt, die so lange Referenzpunkt jeder Beschäftigung mit Baalbek sein wird, bis neue Funde ein dann vielleicht wieder ganz anderes Licht auf die Kultmetropole im römischen Osten werfen.

Prof. Dr. Michael Sommer

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