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Faszinierende Figuren: Gabriela Signori über Gertrud die Große

„Auf Augenhöhe mit dem Göttlichen“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 5/2017. (DAMALS)

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AMALS: Wie sind Sie auf sie gekommen?
Gabriela Signori: Das hängt mit meinem Dissertationsprojekt Mitte der 1980er Jahre zusammen. Ich habe mich damals mit der Entstehung der Marienverehrung befasst und bin dabei auf die sogenannte Frauenmystik und mithin auf Gertrud von Helfta gestoßen.

DAMALS: Was ist an ihr besonders?
Gertrud war Teil einer mystisch interessierten Gruppe von Schwestern, die im Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben gelebt und sich über ihre Visionen ausgetauscht haben. Wie ihre Mitschwestern Mechthild von Hackeborn und Mechthild von Magdeburg beschrieb Gertrud ihre Visionen im „Boten göttlicher Milde“, dem „Legatus divinae pietatis“. Erst die Nachwelt hat Gertrud „groß“ und „heilig“ gemacht. „Nachwelt“ meint die gegenreformatorische Kirche.

DAMALS: Wie kam es dazu?
In das „Martyrologium Romanum“, das Verzeichnis der Seligen und Heiligen, wurde sie 1678 aufgenommen. Seit 1739 wird ihr Fest in der ganzen Kirche gefeiert. In diesem Zusammenhang ist ihr auch der Beiname „die Große“ verliehen worden.

DAMALS: Wie ist Gertruds Wirken zu charakterisieren?
Ihr Leben stellt sich als eine permanente Auseinandersetzung mit der Transzendenz dar. Im alltäglichen Gespräch mit Christus, Maria und den Heiligen werden religiöse Zweifel behoben und theologisch-praktische Fragen geklärt. Dieser vertraute Umgang mit dem Göttlichen auf Augenhöhe irritiert und fasziniert.

DAMALS: Ein Fall für die Psychiatrie, würden wir heute vielleicht sagen?
Nein, das sah man so zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute nehmen wir diese „Phänomene“ in ihrer geschichtlichen Andersartigkeit ernst.

DAMALS: Was bedeutete Gertrud für die Zeitgenossen?
Helfta war ein kleines Kloster. Um zu ihrer Zeit Breitenwirkung zu entfalten, dafür war der Ort zu abgelegen. So wurde ihr Hauptwerk, der „Legatus“, erst im späteren 15. Jahrhundert allmählich bekannt. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kölner Kartause St. Barbara. Die Kölner Kartäuser waren die Ersten, die Gertrud in ihr Martyrologium eintrugen. Sie besorgten 1536 auch die Drucklegung des „Legatus“. Größere Wirkung entfaltete zunächst allerdings die deutsche Übersetzung des Textes, 1505 in Leipzig gedruckt.

DAMALS: Sie hat Reliquienkult und Ablasshandel kritisiert – eine Vorläuferin Luthers?
Mystische Erfahrungen, wie sie Gertrud und ihre Mitschwestern beschrieben, sind in hohem Maß von Liturgie und Schrift geleitet. Sie brauchen bzw. wollen keine dinglichen Stellvertreter.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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