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Faszinierende Figuren: Johannes Willms über Napoleon III.

„Bedeutender als sein Onkel“

Dieser Artikel ist erschienen in DAMALS 7/2015.

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AMALS: Woher kommt Ihr Interesse an Napoleon III.?
Johannes Willms: Ich habe einen ausgeprägten Sinn für historische Gerechtigkeit. Napoleon III. steht immer im Schatten seines großen Onkels, war aber in mancherlei Hinsicht bedeutender als dieser. Das gilt insbesondere für seine Sozial- und Wirtschaftspolitik. Ein Handicap Napoleons III. ist, dass er sich von Bismarck überspielen ließ.

DAMALS: Was war an ihm bedeutend?
Willms: Napoleon III. hat zum einen die Grundlagen für die Modernisierung Frankreichs geschaffen. Zum anderen gelang es ihm, den Teufelskreis eines ständigen Wechsels von Reaktion und Revolution zu durchbrechen, der das Land seit der Herrschaft Ludwigs XVI. prägte. Sein Kalkül war es, stets auf Reformen zu setzen, die einen kontrollierten Fortschritt verhießen. Seine spektakulärste Leistung war die Modernisierung von Paris, eine städtebauliche Innovation, die von Buenos Aires bis Berlin vielfach nachgeahmt wurde.

DAMALS: Breite Boulevards, damit die Artillerie besser auf demonstrierende Arbeiter schießen konnte?
Willms: Das wird immer gesagt, aber es war dies nur eine präventive Nebenfolge, denn gestützt auf eine anhaltende Hochkonjunktur konnte sein Regime stets Vollbeschäftigung und eine spürbare Verbesserung der materiellen Situation garantieren. Die Anlage breiter Straßen hatte vielmehr eine verkehrstechnische Pointe: Sie sollten die Pariser Kopfbahnhöfe miteinander verbinden. Paris wurde derart, was es bis heute ist: die Verkehrsdrehscheibe des ganzen Landes.

DAMALS: Er hat aber mit seinem Staatsstreich den Franzosen die Republik gestohlen.
Willms: Eine Republik, die sowieso nicht funktionierte. Außerdem behielt Napo-
leon III. das allgemeine Wahlrecht bei, auf dessen Grundlage die Plebiszite abgehalten wurden, die mit ihrem Votum das Regime jeweils legitimierten.

DAMALS: Wie würden Sie Napoleon III. mit zwei, drei Stichworten charakterisieren?
Willms: Er war natürlich dem Erbe seines Onkels verhaftet. Das war auch sein Problem. Er meinte, das Erbe Napoleons I. zu vollenden, indem er sich den Gedanken des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu eigen machte. Er trat etwa für die nationalstaatliche Einigung Italiens ein, für die er sich geradezu verkämpfte. Eine andere fixe Idee war, das System des Wiener Kongresses zu sprengen und Frankreich wieder zur führenden Macht in Europa zu machen.

DAMALS: Taugt er als Vorbild?
Willms: Ja und nein. Napoleon III. ist für das heutige Frankreich ebenso wenig ein Vorbild wie Bismarck für Deutschland. Andererseits gibt aber zu denken, welche bis heute segensreichen Veränderungen er durchsetzte. Die Dynamik seiner Herrschaft steht in einem seltsamen Kontrast zum Reformstillstand, der heute die Fünfte Republik kennzeichnet.

Johannes Willms
(geb. 1948), Studium der Klassischen Philologie, Geschichte, Politikwissenschaft in Wien, Sevilla, Heidelberg. Redakteur beim Hessischen Rundfunk, später beim ZDF, von 1993 bis 2000 Feuilletonchef, danach Frankreich-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“.

Napoleon III. (1808 –1873), französischer Staatspräsident und Kaiser der Franzosen. Sohn von Louis Bonaparte, Bruder Napoleons I. Unternahm zwei Putschversuche in Frankreich (1836 und 1840). Festungshaft, Exil in Großbritannien. Im Dezember 1848 zum französischen Präsidenten gewählt. Dezember 1851: Diktator, ein Jahr später Kaiser. Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg, Absetzung im September 1870.

Interview: Winfried Dolderer

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