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Faszinierende Figuren: Cornelia Naumann über Isabeau de Bavière

„Beharrlich in unpopulärer Politik“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 2/2017. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Autorin Cornelia Naumann über die französische Königin Isabeau de Bavière.

DAMALS: Wie sind Sie auf Isabeau de Bavière aufmerksam geworden?
Cornelia Naumann: Ich interessiere mich für Frauen, denen die Geschichtsschreibung übel mitgespielt hat. So bin ich auch auf Isabeau gestoßen. Sie hatte ja einen miserablen Ruf: die „größte Hure Frankreichs“; schlechte Mutter; eine Verschwenderin, die nur an Mode interessiert gewesen sei. Doch diese üble Nachrede kam gar nicht von ihren Zeitgenossen, sondern erst viel später.

DAMALS: Ein Vorwurf lautet, sie habe aus politischen Gründen ihrem Sohn, dem Thronfolger, die eheliche Geburt ab‧gesprochen. Verleumdung?
Naumann: Sie hat sich in der Tat von ihrem Sohn, dem späteren Karl VII., losgesagt, als dieser 1419 den Herzog von Burgund ermorden ließ. Da haben beide Eltern erklärt: Du bist nicht mehr unser Sohn.

DAMALS: Was beeindruckt Sie an Isabeau?
Naumann: Sie kam nach Frankreich, als der Hundertjährige Krieg schon 30 Jahre andauerte. Eigentlich hatte sie nur für Nachkommen zu sorgen. Das tat sie auch. Sie setzte zwölf Kinder in die Welt. Zugleich entfaltete sie aber eine ungewöhnliche politische Aktivität. Das hatte damit zu tun, dass ihr Mann, König Karl VI., seit 1392 geisteskrank war. In klaren Momenten räumte er ihr mehr Befugnisse ein, als für Königinnen damals üblich waren. Sie versuchte, daraus etwas zu machen, und wirkte auf Frieden und Versöhnung hin.

DAMALS: Was konnte sie bewirken?
Naumann: Ihr größter persönlicher Erfolg war die Vermählung ihrer Tochter mit Heinrich V. von England. Sie blieb sich ihr Leben lang treu in ihrer Friedenspolitik, sogar, als sie dafür verbannt wurde. In der Beharrlichkeit, mit der sie eine für ihre Zeit unpopuläre Politik verfolgte, imponiert sie mir.

DAMALS: Lässt sie sich in einigen Stichworten charakterisieren?
Naumann: Ein typisches bayerisches Mädchen mit italienischem Einschlag. Offensichtlich hochgebildet. Es ist überliefert, dass sie sich mit ihrem Mann auf Latein verständigte. Eine intelligente und bewusst lebende Frau, die ihrem Jahrhundert voraus war. Sie war ja auch die Mäzenin von Christine de Pisan, deren Roman „Stadt der Frauen“ eine für das 15. Jahrhundert erstaunliche Utopie darstellte.

DAMALS: Was hat ihr den schlechten Ruf eingetragen?
Naumann: Der französische Nationalismus. Die Nachwelt verübelte ihr die Bemühungen um Frieden mit England und lastete ihr die Verbrennung der Jeanne d’Arc an. Je nationalistischer das Land wurde und je wichtiger die Verehrung der Jungfrau von Orléans, desto mehr verdunkelte sich das Andenken Isabeaus.

Isabeau de Bavière (1370 –1435), eigentlich Elisabeth: Königin und von 1393 bis 1422 Regentin von Frankreich. Tochter des Wittelsbacher Herzogs Stephan III. und seiner Gattin Taddea Visconti. Heiratete 1385 den erst zwölfjährigen französischen König Karl VI. Ihre Regentschaft bis zum Tod des seit 1392 verwirrten Königs war überschattet vom Hundertjährigen Krieg gegen England und dem Bürgerkrieg zwischen den Häusern Orléans und Burgund.

Cornelia Naumann: geb. in Marburg, Autorin und Dramaturgin, Verfasserin historischer Romane. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Romanistik in Köln. Bühnentätigkeit in Köln, Essen und Münster. Seit 1999 freie Autorin in München.

Interview: Winfried Dolderer

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