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Faszinierende Figuren: Norbert Lammert über Thomas Morus

„Den Kopf hingehalten“

Dieser Artikel ist erschienen in DAMALS 5/2015. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: Bundestagspräsident Norbert Lammert über den Staatsmann und Humanisten Thomas More, latinisiert: Morus.

DAMALS: Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal von Thomas Morus erfahren haben?

Norbert Lammert: Die Faszination durch den großen Humanisten hat für mich schon in jungen Jahren begonnen: Ich besuchte das humanistische Gymnasium in meiner Heimatstadt Bochum. Es lag nahe, bereits zu Schulzeiten von Morus zu hören und auch mit seinen Schriften in Berührung zu kommen.

DAMALS: Wie würden Sie seine Leistungen und sein Denken auf zwei, drei Leitbegriffe bringen?

Lammert: Charakteristisch für Thomas Morus ist sein Amtsverständnis, das ihn
zwar seinem König loyal dienen ließ, bescheiden und demütig, aber eben nicht wider sein Gewissen. Mit seiner Weigerung, den Eid zu unterschreiben, durch den sich Heinrich VIII. als englischer König die Oberhoheit über die Kirche in England sicherte, bewies Morus große Standfestigkeit und eine außergewöhnliche Prinzipientreue. Er folgte seinem Glauben und hat für diese Überzeugung wortwörtlich den Kopf hingehalten.

DAMALS: Unter den Heiligen ist er der „Patron der Politiker“ – also für Sie persönlich zuständig?

Lammert: „Zuständig“ ist er nun gerade nicht, aber ein leuchtendes Beispiel allemal. Tatsächlich war er selbst ein bedeutender englischer Staatsmann, seit 1529 sogar Lordkanzler. Mit seiner berühmtesten Schrift „Utopia“ hatte er zuvor harsche Kritik an den Zeitumständen geübt, indem er darin das Idealbild einer Gesellschaft entwarf. Sein Utopiebegriff dient uns bis heute als Instrument kritischer Gegenwartsanalyse.

DAMALS: Für Sie taugt Morus also als Vorbild?

Lammert: Zweifellos, auch wenn sich die Her-ausforderungen öffentlicher Ämter unter den Bedingungen der Demokratie natürlich anders darstellen. In Deutschland muss sich heute niemand mehr für die Freiheit seines Glaubens opfern. Gewissenskämpfe haben Politiker aber noch immer auszutragen. Denken Sie etwa an die Debatten um die Präimplantationsdiagnostik oder die Sterbehilfe.

DAMALS: Gibt es auch Züge an ihm, die Ihnen nicht gefallen? Immerhin war Morus als Lordkanzler an der Verfolgung von Protestanten beteiligt.

Lammert: Es stimmt: Der Humanist Morus erwies sich, zum Verteidiger der Kirche gewandelt, bei der Verfolgung protestantischer Häretiker als unnachgiebig. Er ist mitverantwortlich für Kerker, Folter, Todesstrafen. Insofern war auch er ein Kind seiner Zeit.

Kurzporträt: Thomas Morus (1478? – 1535), englischer Staatsmann, humanistischer Autor, Märtyrer der katholischen Kirche. Nach Stu‧dium in Oxford und juristischer Ausbildung seit 1504 Abgeordneter im Unterhaus. Sein wichtigstes Werk, der gesellschaftskritische Roman „Utopia“, erschien 1516. Seit 1529 Lordkanzler, 1532 Rücktritt aus Protest gegen die von König Heinrich VIII. betriebene Trennung der englischen von der römischen Kirche. Im Jahr 1535 als „Hochverräter“ hingerichtet.

Norbert Lammert, geb. 1948, studierte unter anderem Politik und Geschichte in
Bochum und Oxford. Seit 1975 für die CDU im Bochumer Stadtrat, seit 1980 im Bundestag. Vorsitzender der CDU-Landesgruppe NRW, seit 2005 Bundestagspräsident.

Interview: Winfried Dolderer

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