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Faszinierende Figuren: Gerhart Baum über Immanuel Kant

„Der Inbegriff des heutigen Wertesystems“

Dieser Text erschien in DAMALS 7/2014. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In Heft 7/2014: der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum über den Philosophen Immanuel Kant.

DAMALS: Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal von Immanuel Kant gehört haben?
Gerhart Baum: Im Gymnasium Tegernsee 1946 von meinem damaligen Deutschlehrer. Das war ein Mann, der mich auch außerhalb des Unterrichts mit vielen Bereichen von Kunst, Kultur, Politik vertraut gemacht hat, auch mit der Philosophie.


DAMALS: Was ist für Sie das Beeindruckende an diesem Gelehrten?
Baum: Dass im Mittelpunkt seines Denkens die Kraft der Vernunft steht. Ich bewundere auch die Konsequenz, mit der er seine Philosophie gegen alle Angriffe verteidigt hat. Er ist für mich der Inbegriff der Aufklärung, die wiederum der Inbegriff unseres heutigen Wertesystems ist.

DAMALS: Wenn Sie sein Denken auf zwei, drei Leitbegriffe bringen sollten …
Baum: Ich würde zunächst seine grundlegenden Ausführungen zum Völkerrecht nennen, also die Schrift „Zum ewigen Frieden“: der Mensch als Weltbürger. Kant hat vorgezeichnet, was unsere heutige Menschenrechtspolitik ausmacht. Ich war ja einige Jahre lang verantwortlich für die deutsche Delegation in der UN-Menschenrechtskommission. Mit der Idee, dass wir Weltbürger sind und aus diesem Weltbürgerstatus auch besondere Rechte ableiten können, hat Kant für all diese Aktivitäten die geistige Grundlage geschaffen. Er hat die Menschenrechte, auch das Völkerrecht, konsequent auf die einzelne Person bezogen. Wichtig waren natürlich auch seine Verurteilung des Krieges, seine Überlegungen, wie die Völker zusammenleben können – im Grunde sind das die Fundamente unserer heutigen Vereinten Nationen.

DAMALS: Sehen Sie ihn für sich als Vorbild?
Baum: Beispielhaft scheint mir seine Distanz zu den Autoritäten, mit denen er
leben musste. Natürlich hat er sehr profitiert von dem liberalen Klima unter Friedrich dem Großen. Aber er hat auch später, als unter Friedrich Wilhelm II. ein anderer Wind wehte und man versuchte, ihn unter Druck zu setzen, nie kapituliert. Im Übrigen hat er ein beeindruckendes Gelehrtenleben geführt. Es ist ja schon bemerkenswert, dass ein Mann, der einen so weiten Horizont erschließt, in einem ganz engen Umfeld gelebt, aber darunter keineswegs gelitten hat. Er hat sich seine eigene, durchaus attraktive Umgebung geschaffen, vor allem durch den anregenden Austausch unter Freunden. Die Anschauung der Welt entstand bei ihm nicht durch Reisen, sondern im Kopf, durch Gespräche und durch Lektüre.

DAMALS: Gibt es irgendetwas an Kant, das Sie nicht schätzen?
Baum: Danach habe ich mich eigentlich nie gefragt. Das andere überwiegt so stark – mein Bild von Kant ist nicht zu ändern.

Kurzporträt: Immanuel Kant (1724 –1804), Philosoph der Aufklärung. Geboren in Königsberg und, abgesehen von einigen Jahren als Hauslehrer auf verschiedenen Gütern, dort zeitlebens wohnhaft. Nach seiner Promotion 1755 Privatdozent an der Königsberger Universität. Später Bibliothekar, Professor für Metaphysik und Logik sowie Universitätsrektor. Hauptwerke: „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) und „Kritik der Urteilskraft“ (1790).

Gerhart Baum, geb. 1932, FDP-Politiker und Jurist. Von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister der sozialliberalen Regierung unter Helmut Schmidt. Er gilt als streitbarer Verfechter der Bürgerrechte. Von 1972 bis 1994 im Bundestag, später unter anderem UN-Beauftragter für Menschenrechte im Sudan. (Ullstein Bild / Müller-Stauffenberg)

Interview: Winfried Dolderer

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