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Faszinierende Figuren: Andreas Voßkuhle über Thomas Cromwell

„Die Welt verändern“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 10/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Woher rührt Ihr Interesse an Cromwell?
Andreas Voßkuhle: Vor ein paar Jahren habe ich in der Frick Collection in New York das Bild von Thomas Cromwell gesehen, das Hans Holbein d. J. gemalt hat. Es hängt dort neben dem Porträt seines großen Widersachers Thomas More. Man hat fast den Eindruck, als schauten sich die beiden an. Kurz danach erschienen die historischen Romane von Hilary Mantel, „Wölfe“ und „Falken“, eine wunderbare Lektüre über Thomas Cromwell, Heinrich VIII. und ihre Zeit. Das hat mich dazu gebracht, mich mehr mit Cromwell zu befassen, den ich bis dahin nur oberflächlich kannte.

DA­MALS: Was beeindruckt Sie an ihm?
Er war ein Junge aus einfachsten Verhältnissen – der Vater war Schmied –, der es schaffte, mit Mut und Begabung zu einem der einflussreichsten Politiker seiner Zeit zu werden. Ein junger Mann, der aus England nach Italien geht, sich dort als Söldner verdingt, Händler wird, Latein und Kochen lernt und eine juristische Ausbildung absolviert. Zurück in England, macht er als Zögling des Lordkanzlers Kardinal Wolsey Karriere und wird schließlich Kronjurist Heinrichs VIII.

DA­MALS: Ein politischer Überlebenskünstler?
Erstaunlich ist, dass er den Sturz seines Gönners Wolsey unbeschadet überstand. Er hat rechtzeitig Abstand genommen. Insofern fragt man sich, warum er am Ende so unbedacht war, sich in Glaubensfragen öffentlich ‧gegen Heinrich zu stellen. Dass Heinrich VIII. ihn, seinen besten Berater und treuen Begleiter, hinrichten ließ, ist ein tragisches Ende dieser Geschichte.

DA­MALS: War er als „Vollstrecker“ der Kirchenreform Heinrichs Opportunist oder protestantischer Überzeugungstäter?
Ich sehe ihn eher als (vor)modernen Politiker und Reformer. Er handelte nicht so sehr aus dem Glauben heraus und war als einfacher Untertan auch von Geburt nicht dazu berufen, Herrschaft auszuüben. Trotzdem wollte er die Welt verändern. Und er tat dies auf erstaunlich rationale und konzeptionelle Weise. Es ging ihm darum, alte Strukturen aufzubrechen. Das war für ihn das eigentlich Interessante an der Reformation.

DA­MALS: Von Skrupeln war er eher nicht geplagt: Er brachte Anne Boleyn mit erfundenen Anschuldigungen aufs Schafott …
Als Vorbild eines freundlichen und gemeinwohlorientierten Menschen taugt er sicherlich nicht. Er war vielseitig begabt, charismatisch und weitsichtig, aber auch machthungrig und skrupellos.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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