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Faszinierende Figuren: Julian Nida-Rümelin über Ludwig Wittgenstein

„Ein autoritärer Knochen“

Dieser Text erschien in Heft 1/2015. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In Heft 1/2015: der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin über den Philosophen Ludwig Wittgenstein.

DAMALS: Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal von Wittgenstein
gehört haben?
Julian Nida-Rümelin: Das war in der Gymnasialzeit. Unser Altgriechisch-Lehrer hat nachmittags mit vier bis sechs Schülern einen Philosophie-Arbeitskreis gemacht. Dort haben wir die „Philosophischen Untersuchungen“ von Ludwig Wittgenstein gelesen. Später habe ich die „Blue and Brown Books“ gelesen, aus dem Nachlass veröffentlichte Schriften, und fand die nachdenkliche, gelegentlich monotone, immer wieder die gleichen Fragen aufwerfende, nicht endgültig klärende Art des Philosophierens hochfaszinierend. Das war auch ein Gegengift zu den ideologischen Aufgeregtheiten und Heilsgewissheiten der Neuen Linken.

DAMALS: Was hat Sie besonders beeindruckt?
Nida-Rümelin: Eher der späte als der frühe Wittgenstein. Viele finden ja den „Tractatus“ so spannend. Mir ist der „Tractatus“ im Gestus ausgesprochen unsympathisch. Apodiktischer Stil, keine weiteren Begründungen, eine Haltung der absoluten Gewissheit. Wenn ein Mittzwanziger der Welt mitteilt, er habe jetzt alle Probleme der Philosophie gelöst, war mir das schon als sehr junger Mann zuwider. Dagegen ist die Spätphilosophie zwar gelegentlich auch noch apodiktisch – das Abwägen des Für und Wider ist nicht so sehr seine Sache –, doch Wittgenstein verzichtet radikal auf eine fertige Theorie. Er tastet sich an die Probleme heran.

DAMALS: Wie würden Sie die Essenz seines Denkens beschreiben?
Nida-Rümelin: Seine späte Philosophie verlässt sich auf die Alltagssprache. Er meint nicht, dass die Wissenschaft, die philosophische Theorie, der Hort aller Rationalität ist. Im Gegenteil: In der alltäglichen Sprachpraxis ist für Wittgenstein alle Bedeutung enthalten, und die Philosophie darf sich von dieser nicht wesentlich entfernen, sonst wird sie sinnlos.

DAMALS: Eignet er sich zum Vorbild?
Nida-Rümelin: Es gibt sehr viele Wittgenstein-Anhänger. Man könnte kritisch von einem Wittgenstein-Bazillus sprechen. Wer sich intensiver mit Wittgenstein beschäftigt, läuft oft genug Gefahr, alles andere für irrelevant zu halten und ihn als letzte Klärungsinstanz anzusehen.

DAMALS: Gefällt Ihnen etwas nicht so sehr an ihm?
Nida-Rümelin: Ich wäre nicht gerne mit ihm befreundet gewesen. Er war ein autoritärer Knochen. Zwar sehr hilfsbereit, aber auch ein Sonderling und sehr schroff in Konflikten.


Kurzporträt: Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951), Philosoph. Hauptwerke: „Tractatus Logico-Philosophicus“ (1921/22), „Philosophische Untersuchungen“ (1953). Wittgenstein, Sohn einer Wiener Großindustriellenfamilie, studierte Ingenieurwissenschaften in Berlin (1906 – 1908) und seit 1911 Philosophie in Cambridge. Im Ersten Weltkrieg Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee. Von 1920 bis 1926 Dorfschullehrer in Österreich. Seit 1929 wieder in Cambridge, dort von 1936 bis 1947 Philosophie-Professor.

Julian Nida-Rümelin, geb. 1954, lehrt Philosophie und Politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor Professuren in Tübingen und Göttingen. 1994 bis 1997 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Analytische Philosophie, 2009 bis 2011 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Für fünf Jahre, von 1998 bis 2002, wechselte Nida-Rümelin in die Kulturpolitik, zunächst als Kulturreferent der Landeshauptstadt München und dann als Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder.

Interview: Winfried Dolderer

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