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Faszinierende Figuren: Norbert Blüm über Franz von Assisi

„Er drückte die Welt ans Herz“

Dieser Text erschien in Heft 11/2015. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In Heft 11/2015: der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm über Franz von Assisi.

DAMALS: Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal vom heiligen Franz gehört haben?
Norbert Blüm: Als 15-Jähriger 1950 im Jugendpilgerzug zum Heiligen Jahr kurz vor der Zwischenstation in Assisi. Seither ist das für mich ein mystischer Ort.

DAMALS: Was hat Sie an ihm so besonders beeindruckt?
Blüm: Er ist ein Wilder. Ein Wilder mit großer Zärtlichkeit. Ein Spielmann. Ein Antiautoritärer. Ein großer Visionär. Ein Genie des Gebetes. Ein früher Grüner. Ein Obdachloser. Ein Aussteiger. Einer, der zwei Leben hatte: Dieser Franz von Assisi war ja zunächst ein stadtbekannter Rauf- und Saufbold, Sohn begüterter Eltern, Frauenliebling. Und plötzlich hat er eine neue Geliebte entdeckt: die Armut. „Domina mea paupertas“, meine Herrin, die Armut, wie er sagte.

DAMALS: Können Sie sein Wirken in zwei, drei Stichworten charakterisieren?
Blüm: Der ist nicht mit zwei Stichworten zu beschreiben, noch nicht einmal mit einem ganzen Buch. Das Größte und Schönste, was er uns hinterlassen hat, das größte Gebet der abendländischen Christenheit, ist sein „Sonnengesang“. Darin wird die ganze Welt umarmt. Das ist ja das Wunder Franziskus, dass er die Welt ans Herz drückt. Den wilden Wolf von Gubbio ebenso wie die Vögel, mit denen er spricht. Die großen Mächtigen dieser Erde, Papst Innozenz III., Sultan
Malik al-Kamil von Ägypten, es gibt nichts, was seiner Umarmung entgehen könnte. Dabei ist das, was er umarmt, nicht im Sinne heutiger Reklame schön. Er umarmt nämlich auch die Leprosen. Er betet nicht nur zum Bruder Sonne und zur Schwester Mond und zum Bruder Wind und zur Mutter Erde. Er betet auch zum Tod.

DAMALS: Haben Sie ihn als Vorbild gesehen, vielleicht auch in Ihrer politischen Tätigkeit?
Blüm: Wer kann sich den schon zum Vorbild nehmen? Das wäre vermessen. Leider bin ich nicht ganz so verrückt. Man muss schon sehr stark sein, um so verrückt zu sein. Ich, der gesittete, ordentliche Mensch Norbert Blüm, bin viel schwächer. Er war dagegen auf keinen Beifall dieser Erde angewiesen.

DAMALS: Gibt es irgendetwas, das Sie vielleicht nicht so sehr schätzen am heiligen Franz?
Blüm: Dass ich ihn nicht erreichen kann, das bleibt ein Stachel. Dass ich nie so weit komme wie er, das schätze ich nicht. Dabei ist er nicht von Triumph zu
Triumph geschritten. Aber die Vögel haben ihn verstanden. Und Papst Innozenz hat ihn offenbar auch verstanden. Viele, die den Namen „der Große“ tragen, sind viel kleiner als er.

Kurzporträt: Franz von Assisi (1181/82 –1226), eigentlich Giovanni Bernardone. Sohn eines reichen Tuchhändlers. Nach fidelen Jugendjahren als Ritter im Dienst seiner Vaterstadt Bekehrungserlebnis und Bruch mit dem Elternhaus. Franz predigte das Ideal einer armen Kirche in einer radikal verstandenen Nachfolge Christi. Aus Gleichgesinnten, die sich bald um ihn scharten, entstand der Orden der Minderen Brüder (Franziskaner). Heiliggesprochen 1228.

Norbert Blüm, geb. 1935, ausgebildeter Werkzeugmacher und promovierter Philosoph. Geprägt von der katholischen Soziallehre, zwei Jahrzehnte lang Spitzenmann der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), deren Vorsitz er von 1977 bis 1987 innehatte. Seit 1982 führte Blüm das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, ein Amt, das er als einziges Kabinettsmitglied unter Helmut Kohl während dessen gesamter Kanzlerschaft behielt.

Interview: Winfried Dolderer

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