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Herfried Münkler über Carl von Clausewitz

„Er kannte den Krieg“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 3/2016. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler über den Militärtheoretiker Carl von Clausewitz.

DAMALS: Seit wann kennen Sie Clausewitz?
Herfried Münkler: Die berühmte Formel vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln kannte ich wohl schon in meiner Schulzeit. Für diese Gesellschaft der frühen 1960er Jahre war Krieg das absolut zu Vermeidende. Da war Clausewitz die Antifigur. Heute ist er so etwas wie ein intellektueller Weggefährte, den man, wenn man sich realen Problemen stellt, befragen kann: Nun, Clausewitz, was würdest du dazu sagen?

DAMALS: Was beeindruckt Sie an ihm?
Münkler: Die Präzision und Gründlichkeit seines Denkens. Er hatte in der Kriegsschule gelernt, Probleme analytisch zu erfassen und in einer scharf sezierenden Weise zu durchdenken. Zugleich fand er immer wieder einfühlsame Formulierungen, etwa in der Beschreibung der Schlacht von Borodino, an der er selber teilgenommen hatte. Das war dem Einfluss seiner Frau Marie zu danken, die ihm die Werke Schillers und romantischer Autoren nahegebracht hatte. Die Verbindung von Analytik und Begrifflichkeit mit der Fähigkeit zur literarischen Gestaltung hat seine Werke so lesbar gemacht.

DAMALS: War er ein Vordenker des totalen Krieges?
Münkler: Derjenige, der den totalen Krieg als Erster nicht nur praktiziert, sondern auch theoretisiert hat, nämlich Erich Ludendorff [Erster Generalquartiermeister der dritten Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg], hat gesagt: Alle Theorien von Clausewitz’ sind über den Haufen zu werfen. Ludendorff forderte den Abschied von Clausewitz, um den Krieg als totalen Krieg führen zu können − und nicht mehr unter der Vorgabe politischer Zwecke und militärischer Ziele.

DAMALS: Ist von Clausewitz missverstanden worden?
Münkler: Mag sein. Mit der Formel vom Krieg als Fortsetzung der Politik meinte er, dass es die Politik ist, die über den Krieg zu entscheiden hat. Er kannte den Krieg, seit er als 13-Jähriger 1793 an der Belagerung von Mainz teilgenommen hatte. Er wusste: Wenn die Politik die Kontrolle verliert, wird es schrecklich.

DAMALS: Gibt es etwas an ihm, das Sie kritisch sehen?
Münkler: Er hätte sich mit der Niederschrift seines erst postum veröffentlichten Buches ein bisschen beeilen können. In meiner Rolle als Hochschullehrer wäre er mir ein nerviger Doktorand gewesen.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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