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Faszinierende Figuren: Alexander Krampe über Pierre Augustin Caron de Beaumarchais

„Extrem ausgebildeter Charakter“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 9/2017. (DAMALS)

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AMALS: Wie sind Sie auf ihn gekommen?
Alexander Krampe: Beruflich bedingt. Wir haben ein privates Opernunternehmen und spielen viele Opern des 18. Jahrhunderts. Beaumarchais steht für ein beispielhaftes, wenn auch ins Groteske gesteigertes Lebensschicksal dieser Zeit.

DAMALS: Seit wann ist er Ihnen ein Begriff ?
Den Namen habe ich als Kind oder Jugendlicher schon gehört. Ich komme aus einer Musikerfamilie, habe auch Musik studiert. Sobald man sich mit der „Hochzeit des Figaro“ von Mozart befasst, stößt man darauf, dass Beaumarchais mit seinem gleichnamigen Theaterstück die Vorlage geliefert hat.

DAMALS: Was beeindruckt Sie an ihm?
Die abenteuerliche Fülle an Kenntnissen und Fähigkeiten, die dieser Mann gehabt haben muss und die ihm ein unglaublich turbulentes und vielfältiges Leben beschert hat. Voller Widersprüche zwischen Kunst, schmieriger Geldmacherei, Libertinage, Familiensinn, Erfindungsgeist, politischem Lavieren. Ein treusorgender Familienvater und Casanova, Dunkelmann und öffentliche Person, berechnender Geschäftsmann, großzügiger Wohltäter, Verschwender.

DAMALS: Er war Erfinder, Waffenschmuggler, Bühnenautor, Komponist – was war sein wichtigstes Talent?
Sicherlich seine Gabe der Selbstinszenierung und die Fähigkeit, die Ereignisse seines Lebens theaterhaft zu gestalten. Er muss eine Persönlichkeit gewesen sein, der es spielend gelang, Leute zu beeindrucken und für sich einzunehmen. Ein Uhrmachersohn, der es in wenigen Jahren zum Harfenlehrer der Töchter des Königs brachte. Später spielte der gesamte französische Hof seine Komödie „Der Barbier von Sevilla“ mit Königin Marie Antoinette in der Rolle der Rosina. Das muss man erst einmal schaffen.

DAMALS: Er hat nach 1776 die aufständischen Kolonisten Nordamerikas mit Waffen versorgt. Kann man sagen: Ohne Beaumarchais keine USA?
Das wäre vielleicht übertrieben, aber sicher war er der erste namhafte Unterstützer der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und hat dabei auch seine geschäftlichen Verbindungen und sein Vermögen eingesetzt. Noch vor der Französischen Revolution war er aus eigener Erfahrung mit der willkürlichen Justiz im Absolutismus fest davon überzeugt, dass ein funktionierender Staat Gesetze braucht und eine Regierung, die sich an die Gesetze hält.

DAMALS: Was lernen wir aus seinem Leben über das 18. Jahrhundert?
Aus welchen Verhältnissen sich unsere moderne Bürgergesellschaft entwickelt hat. Er war der Gegenentwurf zu unserer Konsensgesellschaft. Ein Mann, der es verstand, sich Feinde zu machen und damit lässig und elegant umzugehen. Er besaß die Unerschrockenheit, ein ins Extreme ausgebildeter Charakter zu sein. Das ist uns abhandengekommen.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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