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Aydan Özoğuz über Luise Zietz

„Frau im reinen Männerklub“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 7/2016. (DAMALS)

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ann und wie haben Sie von ihr erfahren?

Aydan Özoğuz: Luise Zietz steht in fast allen sozialdemokratischen Ahnengalerien, weil sie die erste Frau im Parteivorstand war. Was diese Frau aber wirklich geleistet hat, das wurde mir erst bewusst, als ich mich 2015 auf einen Festvortrag zu ihrem 150. Geburtstag vorbereitete.

Was hat Sie beeindruckt?

Es ist ihre große Kraft. Sie war das älteste von vier Kindern und musste schon als Kind in der Werkstatt ihres Vaters, eines Wollspinners, mithelfen und Wolle vorbereiten, bis ihre Hände blutig waren. Sie musste oft hungern und schaffte es trotzdem, nebenher zu lernen und sich zur Kindergärtnerin hochzuarbeiten. Luise Zietz hat ihr Amt im SPD-Vorstand aus einer tiefen Überzeugung heraus geführt, das bewundere ich.

„Weiblicher Bebel“ wurde sie ja wohl genannt …

Sie war eine unglaublich wortgewaltige Rednerin, ähnlich wie Bebel. Für die damalige SPD war das bemerkenswert, weil die Partei zu der Zeit ein reiner Männerklub war. Sie sagte es einmal so: „Leider hab’ ich mich nicht mit Hilfe der Genossen, sondern im Kampfe gegen sie durchsetzen müssen.“

Warum geriet sie dennoch weitgehend in Vergessenheit?

Es fehlte ihr ein wenig die schillernde, bohèmehafte Aura anderer Sozialdemokratinnen. Es gab in ihrem Leben keine spektakulären Wendepunkte, keine großen Zerwürfnisse. Sie taugt nicht zur Ikone oder Märtyrerin. Heute würde man wohl sagen, sie sei zu pragmatisch veranlagt gewesen – dabei hatte sie ein gutes Gespür dafür, wie man Frauen aus der Arbeiterklasse packen konnte, weil sie aus dem gleichen Milieu kam.

Ist sie ein Vorbild?

Durchaus. Teilhabe für alle zu ermöglichen, das ist noch heute für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land entscheidend. Vielleicht fühle ich mich ihr auch verbunden, weil ich als stellvertretende Parteivorsitzende die Erste mit einer familiären Einwanderungsgeschichte bin.

Gibt es Wesenszüge, die Sie nicht schätzen?

Luise Zietz hatte eine Abneigung gegen die bürgerliche Frauenbewegung, aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus verständlicherweise. Die Themen der bürgerlichen Frauen waren für sie keine echten Probleme. Vielleicht hätten Frauen damals noch mehr erreicht, wenn sie an einem Strang gezogen hätten.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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