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Faszinierende Figuren: Volker Reinhardt über Leo X.

"Fuchs und Löwe"

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 8/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Wie sind Sie auf ihn gekommen?
Volker Reinhardt: Mich faszinieren in der Geschichte die widersprüchlichen, in sich zerrissenen Persönlichkeiten. Leo X. war gewiss kein „großer Mann“. Aber er war eine prägende Figur in der für mich faszinierendsten Zeit Europas am Anfang des 16. Jahrhunderts. Er bündelt Zeitströmungen und Tendenzen.
Was macht ihn besonders?

DA­MALS: Man sieht an seinem Beispiel, wie ein sehr hoher Grad an Zivilisation und persönlicher Kultur abblättert, wenn es die Umstände erfordern. Leo X. verkörperte eine Kirche, die in bemerkenswertem Maß tolerant und weitherzig war. 1517 erlebte er allerdings eine Verschwörung der Kardinäle. Er reagierte darauf wie von Machiavelli empfohlen – als Fuchs und als Löwe.

DA­MALS: Was hat er mit den rebellischen Kardinälen gemacht?
Er ließ das Haupt der Verschwörung vom Henker in der Engelsburg erwürgen. Das war ganz unüblich. Kardinäle waren sakrosankt, die wurden nicht hingerichtet. Der Kardinal, der nach Leos Vergiftung Papst hätte werden sollen, verlor seinen gigantischen Palast. Vor allem aber ernannte Leo 31 neue Kardinäle, verdoppelte damit das Kardinalskollegium und schwächte so die Macht der einzelnen Kirchenfürsten. Er verfuhr nach allen Regeln der Kunst, eine Verschwörung zu unterdrücken. Er konnte jovial sein, aber auch eiskalte Machtpolitik betreiben.

DA­MALS: Verkörperte Leo nicht alles, was schon Zeitgenossen an der Kirche auszusetzen hatten?
Zeitgenossen nördlich der Alpen! Hier kritisierte man pauschal Verweltlichung, Entsittlichung, also alles, was der wahren christlichen Kirche zuwiderlief. In Italien sah man das anders. Dort lebte in der humanistischen Kultur eine Christlichkeit, in der sich Antike und biblische Offenbarung offenbar ergänzten und miteinander verschmolzen. Für Luther und Konsorten war das pures Heidentum.

DA­MALS: In Luthers Fall stieß Leos Toleranz aber an Grenzen?
Luther bestritt die Machtstellung des Papstes. Das war ein Punkt, an dem die Duldung sehr schnell endete. Wer dagegen nur gewisse Punkte der christlichen Glaubenslehre in Frage stellte, konnte unter Leo mit einer wesentlich höheren Toleranzschwelle rechnen.

DA­MALS: Als Vorbild taugt Leo aber wohl nicht?
Wir sollten in der Geschichte gar nicht nach Vorbildern suchen. Geschichte ist Wandel. In der Vergangenheit lassen sich keine maßstabsgetreuen Modelle finden.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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