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Faszinierende Figuren: Tanja Kinkel über die Mongolenherrscherin Manduchai

„Gleich nach Dschingis Khan“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 4/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Was wissen wir über Manduchai?
Tanja Kinkel: Überliefert ist, dass sie mit etwa 16 Jahren die Zweitfrau Manduul Khans wurde, eines der vielen rivalisierenden Mongolenherrscher, mit Anfang 20 Witwe war und dann die Macht an sich zog.

DA­MALS: Was war das Besondere an ihr?
Zum einen, dass ihre Leistungen auch dann beeindruckend gewesen wären, wenn sie all das als männlicher Herrscher erreicht hätte. Zum anderen, dass sie das alles geschafft hat nicht obwohl, sondern weil sie eine Frau war, und das in einer sehr patriarchalischen Gesellschaft.

DA­MALS: Was hat sie geschafft?
Zu ihrer Zeit war das riesige Weltreich der Mongolen – das größte Reich überhaupt, das von der chinesischen Küste bis zur Donau reichte – auf das Kerngebiet geschrumpft. Es herrschten Anarchie und Stammesfehden. Zwar gab es noch einen Großkhan, aber der hatte nichts mehr zu sagen. Die Macht lag bei rivalisierenden Kriegsherren. Manduchai gelang es, die zerstrittenen Mongolen auf Dauer zu einen. Unter ihrer Herrschaft wurde das mongolische Reich wieder so stark, dass die Chinesen sich genötigt sahen, die Große Mauer zu ihrer heutigen Form auszubauen. Zu ihren Erfolgen zählt nicht zuletzt, dass sie an der Macht blieb und friedlich im Bett starb.

DA­MALS: Wie kam sie an die Macht?
Üblich wäre gewesen, dass sie als Witwe eines verstorbenen Khans dessen Nachfolger hätte heiraten müssen. Anspruch darauf erhob einer der dominierenden Generäle, Önbolod, der von einem Bruder Dschingis Khans abstammte. Manduchai machte aber geltend, dass es noch einen einzigen direkten Nachfahren Dschingis Khans gab, einen damals fünfjährigen Jungen. Den heiratete sie und übernahm für ihn die Regentschaft. Damit hatte niemand gerechnet. Überraschend war, dass die Generäle das schluckten. In späteren Jahren herrschte Manduchai mit ihrem Gatten gemeinsam. Sie hatte mit ihm acht Kinder, von denen alle mongolischen Khane bis zum Sturz der Dynastie 1913 abstammten.

DA­MALS: „Die Weise“ wurde sie auch genannt …
Bereits der erste Chronist, der 50 Jahre nach ihrem Tod über sie berichtete, sprach von der „klugen, weisen und guten Königin“, die dem Land Frieden und Glück gebracht habe. Dieser Text ist heute auf ihrem Denkmal bei Ulan Bator zu lesen.

DA­MALS: Was bedeutet sie für die heutige Mongolei?
Es gab Leute, die sie für eine Reinkarnation des Urvaters Dschingis Khan gehalten haben. An dessen Ruhm reicht natürlich niemand heran, aber Manduchai kommt doch gleich danach.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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