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Wolfgang Herles über Oswald von Wolkenstein

„Künstler und Berserker“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 10/2016. (DAMALS)

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AMALS: Seit wann kennen Sie Oswald von Wolkenstein?

Wolfgang Herles: Seine Gedichte habe ich schon als Schüler geliebt. Wir sind damals jedes Jahr nach Südtirol gefahren, zu den Originalschauplätzen. Die Burg Hauenstein, die Burgruine Wolkenstein, all diese wunderbaren Orte waren mir persönlich vertraut.

DAMALS: Was hat Sie an ihm beeindruckt?

Herles: Er war ein unglaublich sensibler Künstler und zugleich ein Berserker, ein Raubritter. Einer, der mordet und brandschatzt. Und dieser Mensch in seiner Widersprüchlichkeit aus einer Zeit, die uns gleichermaßen fern und nah ist − ausgehendes Mittelalter, Beginn der Moderne −, wird uns so drastisch präsent, weil er sein Leben so wunderbar aufgeschrieben hat. Und zwar unheimlich genau, von der großen Politik bis zur Sexualität.

DAMALS: Schätzen Sie eher den Dichter oder den Abenteurer?

Herles: Es ist beides, und beides ist nicht voneinander zu trennen. Er war ja kein Berufsschriftsteller, sondern ein Ritter. Er hat seine Lieder auf Burgen im Kreis seiner adligen Standesgenossen vorgetragen, ohne damit Geld zu verdienen. Gelebt hat er von Pachteinnahmen. Er war ein fürchterlicher Kerl, jahrelang in Rechtsstreitigkeiten verstrickt. Er saß im Kerker, wurde gefoltert – die Spuren konnte man noch an den Schienbeinknochen seines 1973 entdeckten Skeletts sehen.

DAMALS: Wie kam es zur Kerkerhaft?

Herles: Seine frühere Geliebte Anna Hausmann, der er zahllose erotische Gedichte gewidmet hatte, lockte ihn im Streit um die Burg Hauenstein in eine Falle. Er war aber auch ein Handelsmann. Fuhr auf dem Schwarzen Meer, erlitt Schiffbruch, rettete sich auf einem Fass mit Malvasier-Wein. Er war als Pilger in Jerusalem. Er hat alles gemacht, was man zu seiner Zeit tun konnte, und hat das beschrieben.

DAMALS: Er war ein außergewöhnlich weltkundiger Ritter …

Herles: Er muss viele Jahre seines Lebens auf dem Rücken eines Pferdes verbracht haben. Das fing schon an im zarten Alter von zehn, als er als Schildknappe eines fahrenden Ritters nach Litauen in den Krieg zog. Er hat in Nordafrika an der Eroberung Ceutas teilgenommen, dabei so viel geplündert, dass er seine sämtlichen Schulden zu Hause bezahlen konnte. Er war auf dem Konstanzer Konzil, als Diplomat in England und in Schottland. Erstaunlich, dass er so alt wurde und erst als rüstiger Greis von 68 Jahren starb.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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