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Faszinierende Figuren: Wolfgang Hohlbein über Karl May

„Mit Worten Bilder malen“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 12/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Wann haben Sie die ersten Zeilen von Karl May gelesen?
Wolfgang Hohlbein: Mit zehn oder elf Jahren. Da hat mir meine ältere Schwester mein erstes Karl-May-Buch geschenkt – intelligenterweise „Winnetou III“. Das hat mir aber so gut gefallen, dass ich mir dann von meinem Taschengeld die anderen beiden Bände gekauft habe. Danach habe ich zwei Jahre lang nur Karl May gelesen.

DA­MALS: Was hat Sie derart gefesselt?
Seine Art zu erzählen. Recht ausführlich, manchmal zu weitschweifig, aber er lässt Bilder hinter der Stirn entstehen, und das ist es, was ich seitdem von einem guten Buch erwarte.

DA­MALS: Wie sehen Sie ihn heute?
Er hat mich beeindruckt und mit Sicherheit auch beeinflusst. Manche bösen Zungen behaupten, von ihm komme mein Hang zum Schwafeln. Statt „Schwafeln“ kann man auch sagen: Er pflegt eine epische Art der Erzählung. Er geht ins Detail. Mit Worten Bilder malen − anders kann man es nicht ausdrücken. Nach dem letzten Band habe ich aufgehört und nie wieder hin‧eingeschaut.

DA­MALS: Was finden Sie interessanter, das Werk oder die Person?
Eigentlich beides gleichermaßen. Das eine bedingt natürlich auch das andere. Er hat es im Leben ja nicht gerade leicht gehabt und hat sich unter widrigen Umständen durchgeboxt. Vielleicht ist er dabei das eine oder andere Mal auch zu weit gegangen.

DA­MALS: Insgesamt fast acht Jahre Knast …
Er war nicht unbedingt der ehrlichste Mensch. Andererseits: Was so mancher Bankmanager seinen Kunden antut, ist moralisch viel schlimmer. Heute ist es relativ einfach, sein Leben selber zu gestalten. Das war im 19. Jahrhundert sehr viel schwieriger. Ich bewundere, wie er es aus einfachsten Verhältnissen zumindest eine Weile bis ganz an die Spitze geschafft hat.

DA­MALS: Ein Modellfall erfolgreicher Resozialisierung?
Er hat sich selber resozialisiert.

DA­MALS: Der Hang zur Flunkerei blieb aber: Er sei persönlich Old Shatterhand, hat er behauptet.
Er war eben ein Phantast in jeder Beziehung des Wortes. Er kam aus dieser Rolle nicht mehr heraus. Sicherlich war ein bisschen Hochstapelei dabei. Aber mal ehrlich: Wirklich geschädigt hat er damit niemanden, aber ganz vielen Menschen, mich eingeschlossen, sehr viel gegeben.

DA­MALS: Können Autoren noch von ihm lernen?
Ich habe von ihm gelernt, große Geschichten zu lieben. Sich auch einmal auf ein großes Abenteuer im Kopf einzulassen, das dann Monate oder sogar Jahre dauern kann. Wenn man heute allerdings noch eine Geschichte erzählt, in der die beiden Helden 72 Seiten lang durch die Wüste reiten – das haut Ihnen jeder Verleger um die Ohren.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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