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Faszinierende Figuren: Sabine Appel über Madame de Staël

„Mit der Fackel unterwegs“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 9/2016. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Sachbuchautorin Sabine Appel über die französische Schriftstellerin und Revolutionsaktivistin Madame de Staël.

DAMALS: Wann haben Sie zum ersten Mal von ihr gehört?
Sabine Appel: In einer Vorlesung zur Französischen Revolution. Da wurde Madame de Staël erwähnt, ihre Charakterisierung Deutschlands als „Land der Dichter und Denker“. Viele wissen gar nicht, dass das auf sie zurückgeht. Mich hat sehr fasziniert, dass eine Französin uns dieses Prädikat verliehen hat. Im Grunde hat sie das idealistische Deutschland-Bild der Franzosen bis heute geprägt.

DAMALS: Was beeindruckt Sie besonders an ihr?
Appel: Dass sie die erste politische Denkerin war mit einer europäischen Ausrichtung. Sie erkannte als Erste, dass dieser Kontinent nicht zuletzt als Kultur‧gemeinschaft eine gemeinsame politische Agenda verfolgen muss, und zwar interessanterweise unter Anführung Deutschlands und Frankreichs. Sie hatte die Vision einer deutsch-französischen Synthese: Esprit, Formvollendung, Tatkraft auf französischer Seite, die Begabung zum Tiefsinn, zur Spekulation, zum grundsätzlichen Denken auf der deutschen.

DAMALS: „Sie sah bei uns nur, was sie wollte“ , nämlich ein „nebelhaftes Geisterland“ , schrieb Heinrich Heine – zu Recht?
Appel: Heine hat vieles missverstanden. Er hat auch ihre Ironie und ihren Sinn für Doppeldeutigkeit übersehen. Sie stellte das Geisterhaft-Nebulöse ja keineswegs als Ideal hin. Im Gegenteil, sie ironisierte es. Sie kommt aus der französischen Aufklärung. Sie läuft mit der Fackel umher und versucht, den Leuten den Aberglauben auszutreiben. In Weimar sagte sie zu Goethe: „Es ist doch völlig lächerlich, dass man hier in Deutschland noch den Teufel als Person auf die Bühne stellt.“ Was sie als „deutsche Innerlichkeit“ wahrnahm, hat sie nicht unkritisch rezipiert. Sie wollte aber deutlich machen: Hier ist eine Kultur entstanden, die nicht bei Thesen stehenbleibt, sondern versucht, zu den Grundsätzen zu gelangen.

DAMALS: Sie verfasste Romane, politische und philosophische Essays – was war das Wichtigste?
Appel: Ihr Hauptwerk war das Deutschland-Buch. Vordergründig eine Auseinandersetzung mit deutscher Geisteskultur, Philosophie, Literatur sowie mit den Mentalitäten. Aber es ist voller politischer Anspielungen. Die Verfasserin übt zwischen den Zeilen Kritik am napoleonischen Regime, indem sie das Bild einer Idealkultur neben das aktuelle Frankreich stellt. Das Buch ist von der Zensur ja auch eingestampft worden, wodurch es nur umso wirkungsmächtiger wurde.

Germaine de Staël-Holstein (1766 –1817): französische Schriftstellerin und Aktivistin des gemäßigten Flügels der Französischen Revolution. Nach 1800 scharfe Gegnerin Napoleons, mehrfach aus Frankreich ausgewiesen. Begegnete auf zwei Deutschland-Reisen 1803/04 und 1807/08 den Prominenten der deutschen Klassik. Ihr Hauptwerk „De l’Allemagne“ konnte erst 1814 in Frankreich erscheinen.

Sabine Appel: geb. 1967, Germanistin und Schriftstellerin, Verfasserin historischer Biographien, unter anderem über Heinrich VIII., Nietzsche und Schopenhauer. Promotion 1995 in Heidelberg. Derzeit Buchprojekt über die Kontroverse zwischen Heinrich VIII. und Martin Luther.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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