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Faszinierende Figuren: Hansjörg Albrecht über Walter Braunfels

„Musik, die schreit“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 3/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Wann haben Sie erstmals von Walter Braunfels gehört?
Hansjörg Albrecht: Vor etwa zehn Jahren haben mir Freunde eine CD mit seinem „Te Deum“ gegeben. Der Name sagte mir nichts. Als ich das Werk hörte, war ich von dieser glutvollen Musik erst einmal regelrecht erschlagen – erschlagen und begeistert. Seitdem hält diese Begeisterung an.

DA­MALS: Was beeindruckt Sie an Braunfels?
Albrecht: Seine extreme Bandbreite als Komponist, seine gebrochene Vita und seine geradlinige Haltung. Er hat acht Opern geschrieben, große Werke für Orchester, Chorsinfonik, Liederzyklen, Kammermusik, Klavierwerke – er war selber Pianist. Braunfels hatte nach dem Ersten Weltkrieg eine große Zeit. Die größten Pult-Stars rissen sich förmlich darum, seine Werke zu dirigieren. So wurde Adolf Hitler auf ihn aufmerksam und bat ihn Anfang der 1920er Jahre, eine Hymne für die NSDAP zu komponieren. Das lehnte Braunfels ab. Auch das beeindruckt mich an ihm, seine konsequente Gegnerschaft zum Nationalsozialismus.

DA­MALS: Nach Hitlers Maßstäben war er „Halbjude“ …
Albrecht: … ja, obwohl er protestantisch getauft und nach dem Ersten Weltkrieg Katholik geworden war. Er war neben Richard Strauss der meistaufgeführte Komponist im deutschsprachigen Raum. 1925 holte ihn Adenauer als Gründungsrektor an die Kölner Musikhochschule − zusammen mit dem Dirigenten Hermann Abendroth, mit dem er sich jedoch später entzweite, weil Abendroth mit der NSDAP sympathisierte. Dann machten ihn die Nazis 1933 mit Berufs- und Aufführungsverbot mundtot.

DA­MALS: Wie hat er das „Dritte Reich“ überlebt?
Albrecht: Er blieb in Deutschland, getreu seinem Motto: „lieber verbannt als verkannt“. Inneren Halt fand er
im Komponieren – jedoch nur noch für die Schublade. Interessant an diesem Lebensabschnitt ist die Verbindung zwischen Musik und Biographie: Braunfels’ Gedrücktheit äußert sich eklatant in seinen späten Werken. Das ist Musik, die schreit.

DA­MALS: Er war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gefragt – warum?
Albrecht: Braunfels hat immer tonal komponiert, stand in der Tradition der Spätromantik. Wie Richard Strauss reizte er zwar das tonale System bis an die Grenze aus, ging aber nicht den Schritt zur Zwölftontechnik weiter. Durch die neue Avantgarde-Mode an den Rand gedrängt, galt er in der jungen Bundesrepublik als veraltet. Als Pianist hatte Braunfels allerdings noch beachtete Auftritte.

DAMALS: Wie würden Sie ihn in Stichworten charakterisieren?
Albrecht: Gebrochen – aber ungebeugt. Er hat nicht aufgegeben.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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