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Faszinierende Figuren: Ursula Neeb über Alfred Hitchcock

„Nebeneinander von Fassade  und Abgründen“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 1/2017. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Schriftstellerin Ursula Neeb über den Regisseur Alfred Hitchcock.

DAMALS: Seit wann ist Ihnen Alfred Hitchcock ein Begriff?
Ursula Neeb: Seit meiner Kindheit in den 1960er Jahren. Ich war damals schon total beeindruckt von diesem skurrilen dicken Mann mit dem englischen Humor. Ein einschneidendes Erlebnis war, als ich als Elf- oder Zwölfjährige mit einer Schulfreundin den Film „Psycho“ gesehen habe – wir hätten da ja noch gar nicht hineingedurft. Wir wollten eigentlich nur Schabernack machen, hatten Juckpulver dabei, aber uns ist das Lachen regelrecht im Halse steckengeblieben. Bei der Duschszene haben wir geschrien und uns aneinandergeklammert.

DAMALS: Was begeistert Sie an ihm?
Neeb: Er war eine wirklich charismatische Persönlichkeit, ein britisches Markenzeichen wie die Tower Bridge oder die Queen. Faszinierend an ihm finde ich auch das Nebeneinander dieser bieder-bürgerlichen Fassade – er war ordnungsliebend, pedantisch, 54 Jahre mit derselben Frau verheiratet, gläubiger Katholik und Kirchgänger – und dieser Leidenschaft für die menschlichen Abgründe.

DAMALS: Ihre Lieblingsfilme?
Neeb: Es sind mehrere. „Psycho“ ist ein echter Meilenstein. Da kenne ich jede Sequenz. Sehr schön finde ich auch „Rebecca“. Das ist das Genre der Schauerromantik. Da sind die Bilder und die Atmosphäre sehr stark. „Die Vögel“ natürlich und „Vertigo“ – allesamt durchkomponierte Meisterwerke.

DAMALS: Hitchcock in drei, vier Stichworten?
Neeb: Besessen von seiner Arbeit. Absolut perfektionistisch. Charismatisch. Setzte seine Vorhaben gegen alle Widerstände durch. Natürlich auch recht despotisch – um nicht zu sagen äußerst despotisch.

DAMALS: „Schauspieler sind wie Vieh zu behandeln“ , sagte er.
Neeb: Mit ihm zu drehen war bestimmt nicht immer nur angenehm. Er hat seine Stars manchmal geradezu gequält. Tippi Hedren musste eine ganze Woche immer wieder dieselbe Szene drehen mit lebendigen Vögeln, die ins Zimmer hineinflogen. Die haben ihr auch Wunden zugefügt.

DAMALS: Hat er Sie auch als Autorin inspiriert?
Neeb: Ich habe zehn historische Kriminalromane geschrieben. Jetzt wechsle ich das Genre und wende mich der romanhaften Darstellung realer Kriminalfälle zu. Da ist Hitchcock natürlich noch wichtiger. Mein großer Wunsch wäre, ein Buch zu schreiben mit einer ähnlichen Wirkung wie ein Hitchcock-Film. Er hat ja keine blutrünstigen Filme gedreht. Der Horror findet in der Phantasie des Zuschauers statt, und das sollte auch ein guter Krimi leisten.

Alfred Hitchcock (1899 –1980), englischer Regisseur und Film‧produzent, Meister des Thriller-Genres. In jungen Jahren Verfasser von Kurzgeschichten. 1922 erster eigener Film („Number 13“), 1929 erster Tonfilm („Blackmail“). Seit 1939 in Hollywood. Produzierte in sechs Jahrzehnten über 50 Filme, darunter „Das Fenster zum Hof“ (1954), „Vertigo“ (1958), „Psycho“ (1960).

Ursula Neebgeb. 1957, Schriftstellerin, Verfasserin unter anderem historischer Kriminalromane. Studium Kulturwissenschaften, Geschichte, Soziologie in Frankfurt. Tätigkeit am Deutschen Filmmuseum und in der Bildredaktion der FAZ. Seit 2005 freie Autorin.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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