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Rolf-Dieter Krause über Jean-Baptiste Colbert

„Rezepte des 17. Jahrhunderts“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 8/2016. (DAMALS)

W

ann haben Sie erstmals von ihm gehört?

Rolf-Dieter Krause: In den 90er Jahren als junger EU-Korrespondent. Damals begannen die Verhandlungen über den Maastrichter Vertrag, und man merkte immer wieder, dass die Franzosen in ökonomischer Hinsicht völlig anders ticken als wir. Mir war schnell klar, dass ich mich in Brüssel auch mit Psyche und Philosophie anderer europäischer Länder befassen musste. Bei der Beschäftigung mit der Geschichte Frankreichs stieß ich auf Colbert.

Was hat Sie beeindruckt?

Wie dieser Mann bis heute das französische Wirtschaftsdenken prägt. Ich hatte damals einen Sprachkurs in Angers an der Loire belegt und war im Haus eines französischen Managers untergebracht. Der arbeitete für einen Computerkonzern. Wir sprachen darüber, wie die Franzosen versuchten, eine eigene Computer-Industrie aufzubauen. Die Ideen, die der Mann entwickelte – Protektionismus, Exportsubventionen, Abschottung – fand ich später alle bei Colbert wieder. Ich dachte: Das ist doch nicht wahr. Die große, wichtige Nation neben uns richtet sich nach den Rezepten eines Mannes, der im 17. Jahrhundert gelebt hat.

Was heißt das in einem auch wirtschaftlich geeinten Europa?

Im Maastrichter Vertrag gibt es eine Stelle, die von Colbert inspiriert ist. In diesem Punkt weicht aber die deutsche Version von allen anderen ab. Dort heißt es, die Industriepolitik der EU diene dazu, die Anpassung an den Strukturwandel zu „beschleunigen“. Nur in der deutschen Fassung steht dagegen das Wort „erleichtern“, ein viel weniger aktives Verb also. Für deutsche Marktwirtschaftler ist „Industriepolitik“ ein Unwort. Die deutsche Version wurde wohl anders übersetzt, damit es hier keinen Sturm der Empörung gab.

Haben Sie eine Erklärung für Colberts nachhaltige Wirkung?

Die Franzosen haben in ihrer Geschichte keinen so massiven Bruch erlebt wie wir Deutschen. Kultur hat einen großen Einfluss auf politisches Verhalten, und sie ist tief verwurzelt in uns. Das gilt auch für Colberts Einfluss auf die Franzosen.

Kann er noch als Vorbild gelten?

Colbert war erfolgreich in einer Zeit, die noch weit weg war von der Globalisierung. Damals konnte man mit seinen Methoden etwas erreichen. Er hat Frankreich zur See- und Kolonialmacht erhoben, die die Regeln bestimmen konnte. Das gilt heute alles nicht mehr.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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