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Faszinierende Figuren: Rüdiger Safranski über Heinrich IV.

"Toleranz als Lebensart gepflegt"

Dieser Text erschien in Heft 3/2015. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In Heft 3/2015: der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Rüdiger Safranski über den französischen König Heinrich IV. (Henri Quatre).

DAMALS: Wann haben Sie zum ersten Mal von Heinrich IV. gehört?
Rüdiger Safranski: Ich habe als kleiner Junge ein Jugendbuch über ihn
gelesen, in dem er schon als der große Held vorgeführt wurde. Später dann Heinrich Manns zweibändigen Roman, der für mich zu den größten historischen Romanen gehört.

DAMALS: Was hat Sie beeindruckt?
Safranski: Als kleiner Junge natürlich das tumultuarische, abenteuerliche Leben, das er im Frankreich der Hugenottenkriege geführt hat. Der Aufstieg des jungen Burschen aus Navarra auf den Königsthron. Wenn man dann ein bisschen mehr versteht, imponiert einem die Konsequenz, mit der Henri Quatre die Werte der sozialen Wohlfahrt und eines geordneten Staatswesens über den religiösen Fanatismus gestellt hat.

DAMALS: Was war daran besonders?
Safranski: Er ist ja dreimal konvertiert, nicht aus Opportunismus, sondern weil er seinen Teil dazu beitragen wollte, das vom religiösen Bürgerkrieg zerrissene Frankreich zu einen und zu befrieden. Auf dem Höhepunkt seiner Regierung hat er 1598 mit dem Edikt von Nantes Glaubensfreiheit durchgesetzt. Er hat damit Frankreich für fast 100 Jahre religiösen Frieden gebracht.

DAMALS: Seine Lebensleistung in zwei, drei Stichworten?
Safranski: Einigung des vom religiösen Bürgerkrieg zerrissenen Frankreich. Die Erkenntnis, dass soziale Wohlfahrt und sozialer Friede nur möglich sind, wenn die einzelnen Religionsgemeinschaften von ihrem Fanatismus zurückstecken. Er pflegte Toleranz als Lebensart, nicht nur als Doktrin.

DAMALS: Er eignet sich also zum Vorbild?
Safranski: Ja. Die arabische Welt könnte sowieso viel von ihm lernen. Und wir können uns daran erinnern, welchen Mutes es bedurfte, diesen Weg der politischen und religiösen Toleranz in Europa zu gehen, und welchen Vorteil wir davon haben.

DAMALS: Finden Sie irgendetwas an ihm, das vielleicht nicht so vorbildlich ist?
Safranski: Er war natürlich ein Kind seiner Zeit. Es wäre Unsinn, ihn rückwirkend zum lupenreinen Demokraten zu erklären. Er liebte die Frauen, aber natürlich nicht so, wie es die Feministinnen gerne hätten. Aufbrausend konnte er auch Unrecht begehen. Am Ende seines Lebens entwickelte er noch die Vorstellung, es könnte möglich sein, irgendwie eine Union der europäischen Völker zu begründen, um eine internationale Friedensordnung herzustellen. Er war also sehr weitsichtig.

Kurzporträt:
Heinrich von Bourbon (1553 –1610), als Heinrich III. König von Navarra seit 1572, als Heinrich IV. König von Frankreich seit 1594. Führer der protestantischen Partei in den Hugenottenkriegen. Seine Hochzeit mit Margarete von Valois in Paris war 1572 Anlass des Massakers der „Bartholomäusnacht“. Überlebte 18 Attentatsversuche, bevor er einem geistig verwirrten Täter zum Opfer fiel.

Rüdiger Safranski geb. 1945, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, seit 2012 Honorarprofessor an der FU Berlin. Studium der Philosophie in Frankfurt, 1976 Promotion in Berlin. Autor zahlreicher Biographien, unter anderem über Schiller, Goethe, Nietzsche, Heidegger. 2002 bis 2012 Komoderator des „Philosophischen Quartetts“ (ZDF). Seit 2012 Mitwirkung am „Literaturclub“ im Schweizer Fernsehen.

Interview: Winfried Dolderer

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