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Faszinierende Figuren: Heribert Prantl über Philipp Jakob Siebenpfeiffer

"Umarmen und hochleben lassen"

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 6/2016. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Journalist Heribert Prantl über den Mitorganisator des Hambacher Festes, Philipp Jakob Siebenpfeiffer.

DAMALS: Wie haben Sie Siebenpfeiffer kennengelernt?
Heribert Prantl: Zu meiner Schande: sehr spät! Durch einen Anruf vom Komitee des Siebenpfeiffer-Preises, das mich fragte, ob ich bereit sei, diesen Preis 1999 anzunehmen. Ich habe mich dann in seine Biographie vertieft, und vor mir erstand das Leben eines revolutionären Journalisten.

DAMALS: Was hat Sie beeindruckt?
Prantl: Sein demokratischer Impetus. Der Schüler des großen liberalen Staatsrechtslehrers Karl von Rotteck wurde mit 29 Jahren Landrat in der damals bayerischen Rheinpfalz. Als junger Beamter entwickelte er schnell demokratische Gelüste. Und dann tat er etwas Außergewöhnliches: Er gründete 1830 ein demokratisches Forum, die Zeitschrift „Rheinbayern“, und ein Jahr später die Tageszeitung „Der Bote aus dem Westen“. Diese rief auf zum Hambacher Fest vom Mai 1832, der ersten demokratischen Großdemonstration der deutschen Geschichte.

DAMALS: Was hat den bayerischen Beamten dazu bewegt?
Prantl: Siebenpfeiffer hat wohl gemerkt, dass der behutsame Weg nicht weiterführte. Er hatte versucht, im Staatsbetrieb etwas zu verbessern. Damit fand er keine Beachtung, musste lernen: Demokratischer Fortschritt ist nicht möglich, wenn man im monarchischen Betrieb arbeitet.

DAMALS: Die revolutionäre Bewegung des Vormärz war nicht frei von völkischem Nationalismus. Wie ist Siebenpfeiffer einzuordnen?
Prantl: Nehmen Sie seine Rede auf dem Hambacher Fest: Er stritt für ein Gesamtdeutschland ohne Schlagbäume. Er sah Deutschlands Aufgabe darin, im Herzen Europas verbindend zu wirken.Er forderte die Gleichstellung der Frauen: „Es wird kommen der Tag, an dem die deutsche Frau nicht mehr dienstpflichtige Magd des herrschenden Mannes, sondern freie Genossin des freien Bürgers ist.“ Das ist in der Bundesrepublik erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1957 durchgesetzt worden.

DAMALS: Wie würden Sie Siebenpfeiffers Denken auf zwei, drei Stichworte bringen?
Prantl: Er war überzeugt, dass Pressefreiheit die Gesellschaft voranbringt. Als der bayerische König seine Druckerpresse in Oggersheim versiegeln ließ, sagte er, das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Ein wunderbarer Satz. Er besagt, was bis heute gilt: Die Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie. Dafür muss man ihn heute noch umarmen und hochleben lassen.


Heribert Prantl geb. 1953, Jurist, Journalist, Autor. 1974 bis 1979 Studium Jura, Geschichte und Philosophie in Regensburg. 1982 Promotion in Jura. Nach Tätigkeit als Richter und Staatsanwalt seit 1988 bei der „Süddeutschen Zeitung“, 1995 Ressortchef Innenpolitik, seit 2011 Mitglied der Chefredaktion.

Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789 –1845), Jurist und Journalist. Seit 1808 Studium in Freiburg, danach bis 1830 im bayerischen Staatsdienst. 1832 Mitbegründer des „Deutschen Vaterlandsvereins zur Unterstützung der freien Presse“, Mitorganisator des Hambacher Festes. Nach Prozess und Haft seit 1833 Exil in der Schweiz.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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