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Faszinierende Figuren: Antje Vollmer über Friedrich Karl Klausing

„Unter den Verschwörern sicher der Einsamste"

Dieser Text erschien in DAMALS 5/2014. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen in der DAMALS-Rubrik "Faszinierende Figuren" über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In Heft 5/2014: Antje Vollmer über Friedrich Karl Klausing.

DAMALS: Friedrich Karl Klausing, ein Mann des 20. Juli: Wie sind Sie erstmals auf ihn aufmerksam geworden?
Antje Vollmer: Ich habe ihn in dem Buch „Spiegelbild einer Verschwörung“ gefunden, der Edition der Gestapo-Protokolle, in der die Verhöre der Verschwörer des Hitler-Attentats zusammengefasst sind. Darin waren der Abschiedsbrief Klausings abgedruckt und der Brief, den sein Vater geschrieben hatte, bevor er sich, in der Nacht vor dem Prozess gegen seinen Sohn, umbrachte. Diese Briefe fand ich so erschreckend, dass ich einfach die Geschichte hinter diesen Briefen suchen musste.

DAMALS: Was hat Sie erschreckt?
Der Brief des Vaters war eine einzige Verfluchung des Sohnes und endete mit: „Es lebe der Führer, es lebe Deutschland, es lebe die SA!“. Der Brief des Sohnes enthält den Satz: „Lasst mich aus der Geschichte unserer Familie ausgelöscht sein.“ Da wusste ich, dass in dieser Familie etwas sehr Unheimliches geschehen ist.

DAMALS: Hat sich nicht der Sohn Klausing in seinem Brief auch vom Putsch gegen Hitler distanziert?
Er distanziert sich nicht vom Verschwörungsplan, sagt aber: Mit diesen am Ende zögernden Militärs konnte er keinen Erfolg haben. Man muss diesen Satz im Zusammenhang sehen und wissen, aus welcher Familie Klausing kam. Das erschließt sich aus dem Brief des Vaters: Es waren lauter überzeugte Nationalsozialisten. Klausing war extrem verantwortungsbewusst. Mit seinem Brief wollte er seiner Familie ermöglichen, sich von ihm zu distanzieren, damit sie nicht den Sühnepraktiken der Nationalsozialisten anheimfiel. Tatsächlich hat die SA den Vater gedrängt, nur, wenn er sich selber richte, „um den Ehrenschild der Familie reinzuwaschen“, könnten Mutter und Schwester eines solchen „Verräters“ vor der Auslöschung bewahrt werden.

DAMALS: Was hat Sie an Klausing besonders beeindruckt?
Menschen, die ihn sehr gut kannten, wie Richard von Weizsäcker oder der letzte Überlebende der Verschwörung, Ewald Heinrich von Kleist, beschreiben ihn als grüblerisch, extrem bescheiden, sensibel, künstlerisch interessiert, von absoluter Verlässlichkeit und geradlinig. Nachdem er sich einmal vom Geist seines Elternhauses getrennt hatte, konnte er nicht mehr zurück. Er war ein umsichtiger Militär. Das sieht man an seinem Verhalten im Bendlerblock, wo er zuletzt dafür gesorgt hat, dass die jüngsten Beteiligten fliehen konnten, als der Gegenputsch lief. Er hat auch noch versucht, Stauffenberg mit der Pistole zu verteidigen. Weizsäcker hat gesagt: „Dass sich Stauffenberg gerade ihn aussuchte, um ihn ganz in seiner Nähe zu haben beim Attentat und danach, dafür war er wie geschaffen vom lieben Gott.“

DAMALS: Wenn Sie sein Handeln kurz charakterisieren sollten – was würden Sie
sagen?
Mir kommt er vor – das klingt vielleicht seltsam – wie eine frühe 68er-Figur. Jemand, der unter der Schuld seiner Familie leidet und versucht, sich daraus freizumachen und das Unheil abzuwenden. Er war unter den Verschwörern sicher der einsamste und musste den weitesten inneren Weg zurücklegen. Er hat sich auch am Ende freiwillig gestellt, um das Schicksal Stauffenbergs zu teilen.

Kurzporträt: Friedrich Karl Klausing: geb. am 24. Mai 1920 in München, seit 1938 Berufssoldat, zuletzt im Rang eines Hauptmanns. Klausing stieß 1943 zum Kreis der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der ihn zu seinem Adjutanten machte. In Plötzensee erhängt am 8. August 1944.

Dr. Antje Vollmer, geb. 1943 in Lübbecke, protestantische Theologin. 1983 erstmals für die Grünen im Bundestag. Von 1994 bis 2005 Bundestagsvizepräsidentin, seither freie Autorin.

Interview: Winfried Dolderer

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