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Faszinierende Figuren: Necla Kelek über Kemal Atatürk

„Wegweiser der Demokratie“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 11/2015. (DAMALS)

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ersönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Publizistin Necla Kelek über Kemal Atatürk.

DAMALS: Wann haben Sie zum ersten Mal von Atatürk gehört?
Necla Kelek: Da muss ich ein ganz kleines Kind gewesen sein. Ich bin ja in Istanbul geboren. In dem bürgerlichen Milieu, in dem wir gelebt haben, war Atatürk sehr präsent. Einer der Sätze meiner Mutter, an die ich mich erinnere, lautete: Wir Frauen haben Atatürk zu verdanken, dass wir als Menschen in der Gesellschaft existieren können.

DAMALS: Was finden Sie an ihm besonders beeindruckend?
Kelek: Er war der Erste, der in einem islamischen Land eine Republik gegründet hat. Und er hat den Frauen bürger‧liche und politische Rechte verschafft, so 1930 das Wahlrecht. Seine eigene Frau legte als Erste den Schleier ab, und Atatürk forderte dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen.

DAMALS: War er ein Demokrat?
Nicht in dem Sinn, wie wir Demokratie verstehen. Ein Befürworter des Pluralismus war er nicht. Seine Vision war es, das schreckliche Osmanische Reich zu überwinden, in dem Frauen in Harem oder Haus eingesperrt waren. Er war damit Wegweiser für den demokratischen Weg der Türkei.

DAMALS: Sein Denken und seine Leistungen in zwei, drei Schlüsselbegriffen?
Kelek: Er war ein Reformer, der ein ganzes Land auf den Kopf gestellt hat. Er führte die lateinische Schrift ein, zog eine Alphabetisierungskampagne durch, reformierte Scheidungsrecht, Sorgerecht, Erbrecht, kümmerte sich darum, dass die Bürger ordentlich und zeitgemäß gekleidet waren. Das alles ist eine für mich fast übermenschliche Leistung.

DAMALS: Er hat die Gesellschaft gewaltsam umgekrempelt. Mit nachhaltigem Erfolg?
Kelek: Gewaltsam würde ich nicht sagen. Wir müssen die Vorgeschichte sehen. Reformbewegungen gab es im Osmanischen Reich seit dem frühen 19. Jahrhundert. Da ging es zum Beispiel um die Gleichheit der Religionsgemeinschaften. In den Städten entstand eine moderne, von europäischen Ideen beeinflusste bürgerliche Schicht. Atatürk hat die Reformen nicht, wie manche ihm heute nachsagen, von oben aufgedrückt. Er hatte das Bürgertum in den Städten auf seiner Seite, das seine Ideen getragen hat. Deshalb hatte die Republik über seinen Tod hinaus Bestand.

DAMALS: Gibt es aus Ihrer Sicht auch Kritikpunkte?
Kelek: Er war rigoros in der Idee, dass die Türkei eine Nation der Türken zu sein hatte. Er hat ein Geschichtsbild verordnet, in dem kulturelle Vielfalt ausgeblendet war. Die Armenier etwa kommen darin nicht vor.

Interview: Winfried Dolderer

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