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Faszinierende Figuren: Gerhard Roth über Ferdinand den Gütigen

„Wirklicher Mensch auf dem Kaiserthron“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 7/2017. (DAMALS)

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AMALS: Woher stammt Ihr Interesse für Ferdinand?
Gerhard Roth: Als junger MedizinStudent mit dem Berufsziel Psychiater war ich auf seine Krankengeschichte aufmerksam geworden: Wie war es möglich, dass ein Mensch, der so schwere Behinderungen hatte – ein Epileptiker mit Wasserkopf –, 82 Jahre leben konnte, davon 13 sogar als absolutistischer Kaiser? Er konnte als Kind keine Treppen steigen und sich kein Glas Wasser einschenken, trotzdem sind ihm später erstaunliche Dinge gelungen. Er war mit Sicherheit nicht dumm.

DAMALS: War nie die Rede davon, ihn von der Thronfolge auszuschließen?
Natürlich. Man darf aber nicht vergessen, dass der Bruder seines Vaters, des Kaisers Franz I., ebenfalls Epileptiker war. Auch zwei von Ferdinands Geschwistern hatten diese Krankheit. Die zahlreichen Ehen unter nahen Verwandten im Haus Habsburg-Lothringen haben sicherlich der Fortpflanzung nicht gutgetan.

DAMALS: Sie sagten, trotz Behinderung habe er Erstaunliches geleistet?
Er konnte kalligraphisch schreiben und sehr gut zeichnen. Er spielte Klavier und Trompete, war ein guter Reiter und beherrschte fünf Sprachen. Er war Experte für Gartenbau, besaß ein Mikroskop, mit dem er Kleinsttiere studierte. Als er 1848 wegen fehlender Härte abdanken musste, zog er nach Prag und hat dort aus völlig überschuldetem Gutsbesitz eine ertragreiche Einnahmequelle gemacht.

DAMALS: Hat er politisch etwas bewegen können?
Franz I. hatte auf dem Sterbebett seinem Staatskanzler Klemens von Metternich aufgetragen, sich um den Thronfolger zu kümmern und dafür zu sorgen, dass alles beim Alten bliebe. Ferdinand I. sah jedoch vieles anders. Das zeigt seine Reaktion auf die Protestbewegungen der Jahre 1847/48.

DAMALS: Was tat er?
Er entließ Metternich und leitete Reformen ein: Abschaffung der Zensur und der Leibeigenschaft. In Wien ging er ungeschützt in die aufständische Menge hinein, die den Kriegsminister gelyncht hatte. Er hat mit den Leuten geredet, denn er war davon überzeugt, dass es besser ist, vernünftig mit den Menschen zu reden, als auf sie zu schießen.

DAMALS: Man hat ihn aber zur Seite geschoben …
Er hatte auch die Nase voll. Es war ihm zuwider, dass Armee und Beamtenschaft an ihrer Vorstellung von absolutistischer Monarchie festhielten. Als absoluter Herrscher war Ferdinand natürlich am falschen Platz. Für mich war er jedoch einer der wenigen wirklichen Menschen, die jemals auf einem Kaiserthron gesessen haben.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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