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Faszinierende Figuren: Karina Urbach über Robert Oppenheimer

„Zerrissener Mann“

Dieser Beitrag ist erschienen in DAMALS 6/2017. (DAMALS)

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A­MALS: Warum interessieren Sie sich für Robert Oppenheimer?
Karina Urbach: Weil ich jetzt an seinem Institut in Princeton forschen darf. Es gibt hier Leute, die ihn noch persönlich kannten. Ich gehe immer an seinem Haus vorbei. Da dachte ich: Ich muss mich mit ihm beschäftigen.

DA­MALS: Wann haben Sie erstmals von ihm gehört?
Als ich etwa zehn Jahre alt war. Meine Mutter, die Schauspielerin Wera Frydtberg, nahm mich mit in eine Aufführung des Stücks von Heinar Kipphardt: „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. Ich habe natürlich wenig verstanden. Aber ich war fasziniert von diesem zerrissenen Mann, der um seine Ehre kämpfte.

DA­MALS: Was beeindruckt Sie an ihm?
Die dunklen und die hellen Seiten. Ein Wunderkind, das es aber doch nie ganz schaffte. Dreimal für den Nobelpreis nominiert, den er nicht bekam. Er litt unter Depressionen, war arrogant, wollte immer der Erste sein. Er vermittelte aber auch Kollegen Ideen, mit denen sie dann den Nobelpreis gewannen. Er war vielseitig, beschäftigte sich mit Sanskrit, interessierte sich für französische Literatur, schrieb Kurzgeschichten, Gedichte. Natur- und Geisteswissenschaften zu vereinen war seine große Idee.

DA­MALS: Er wurde als Kommunist verdächtigt – wo stand er politisch?
Er war naiv. Als er in den 1920er Jahren in Cambridge und Göttingen studierte, interessierte er sich gar nicht für Politik. In den 1930ern begeisterte er sich unter dem Eindruck des spanischen Bürgerkrieges dann für den Kommunismus. Allerdings war er auch wahnsinnig ehrgeizig und gab dafür seine politischen Ideale auf. In der McCarthy-Zeit in den 1950ern gab er sogar ehemalige Gesinnungsgenossen preis. Das wurde allerdings nicht so wahrgenommen, weil er wegen seiner Kritik der atomaren Rüstung selber Nachteile hinnehmen musste.

DA­MALS: Er hat die Atomwaffe ermöglicht – ein dunkler Punkt?
Eine Folge seines Ehrgeizes. Er wollte unbedingt an diesem Projekt beteiligt werden. Geschickt schwang er sich zum Leiter in Los Alamos auf. Er wollte immer im Zentrum des Geschehens sein. Das war damals die Entwicklung der Atombombe. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass er sich seiner deutsch-jüdischen Herkunft wegen als Außenseiter sah.

DA­MALS: Wie erklärt sich dann seine Umkehr?
Das ist seine Zwiespältigkeit. Deswegen ist er so faszinierend. Er war unglaublich stolz, als er es geschafft hatte. „Es hat funktioniert“, sagte er nach der Testzündung. Aber gleichzeitig bereute er es dann auch. Zu Präsident Truman sagte er, er habe etwas Furchtbares getan. Der wollte ihn danach nicht mehr sehen.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

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