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Der aus der Toskana stammende jüdische Kaufmann Me-shullam da Volterra bereiste im 15. Jahrhundert Palästina. Die detaillierte, farbige Schilderung seiner Reiseerfahrungen offenbart Unterschiede zu christlichen Reiseberichten dieser Zeit, aber auch manche Gemeinsamkeiten.

Ein Kaufmann auf Reisen

D

ie Namen bedeutender christlicher Reisender des Mittelalters und der Renaissance sind uns bis heute bekannt. Die von ihnen verfassten Reiseberichte wirken oft noch heute anschaulich und farbig. Allen voran gilt dies für den Venezianer Marco Polo, den wohl berühmtesten Reisenden des 13. Jahrhunderts. Erstaunlicherweise findet man auf der Landkarte der historischen Reiseforschung allerdings nach wie vor weiße Flecken. Eine dieser Forschungslücken ist die Geschichte jüdischer Reisender in der Vormoderne. Einige von ihnen haben uns hebräische oder mitunter auch jiddische Reiseberichte hinterlassen, manche bis heute ungedruckt. Übersetzungen ins Deutsche sucht man oft vergebens.

Dabei bieten gerade die
jüdischen Quellen zahlreiche Einsichten und Beobachtungen, die man in der christ‧lichen Reiseliteratur kaum finden wird. Das Beispiel der Palästina-Reisenden führt dies besonders deutlich vor Augen, denn das Heilige Land war für Christen wie Juden eines der wichtigsten Wallfahrts- und Pilgerziele. Einmal dort angekommen, gab es eine Reihe von heiligen Stätten, die sowohl von Christen als auch von Juden aufgesucht wurden – allerdings in der Regel mit vollkommen unterschiedlichen Interessen und Intentionen.

In der Wüste Sinai beispielsweise interessierten sich jüdische Reisende in der Regel für Spuren des biblischen Exodus, wohingegen das Interesse christlicher Pilger meist nur dem Katharinenkloster und seiner Umgebung galt. In Jerusalem wiederum verehrten Juden das Grab des Königs David an derselben Stelle, an der sich nach christlicher Überlieferung der Abendmahlssaal erhebt – Konflikte waren vorprogrammiert und führten zeitweise sogar zur Einmischung von Päpsten und weltlichen Herrschern.

Es lohnt sich also zweifellos, nicht nur zu untersuchen, was ein damaliger Reisender im Verlauf der Reise sah, sondern wie er es sah. Auf diese Weise kann eine Annäherung an das gelingen, was der Historiker Arnold Esch die spezifische „Optik“ der damaligen Reisenden nennt, das heißt deren „individuelle und kollektive Vorstellungs- und Erfahrungswelt“. Es gilt allerdings auch, Gemeinsamkeiten in der Optik jüdischer und christlicher Reisender aus Europa herauszuarbeiten – zweier Gruppen, die trotz Differenzen und Konflikten oftmals nicht nur einen ähnlichen kulturellen Hintergrund teilten, sondern auf Reisen auch denselben Gefahren ausgesetzt waren.

Ein hebräischer Reisebericht, der sich für solch eine Untersuchung besonders gut eignet, stammt aus dem Jahr 1481. Der Autor namens Meshullam da Volterra war ein in der Toskana beheimateter Bankier und Edelsteinhändler. Seine genauen Lebensdaten sind unbekannt, aber wir wissen, dass er hohes Ansehen bei den Medici in Florenz genoss. Was aber konnte einen so angesehenen und wohlhabenden Mann dazu veranlassen, Familie und Geschäfte in der Toskana für mehrere Monate zu verlassen und eine gefahrvolle Reise ins Heilige Land anzutreten?

Diese Frage lässt sich nicht mit letzter Gewissheit klären. Meshullam selbst erwähnt in seinem Bericht, es sei ein Gelübde gewesen, das ihn zu seiner Fahrt ins Heilige Land bewegte. Offenkundig spielten auch geschäftliche Interessen eine gewisse Rolle (jedenfalls erfahren wir in seinem Bericht mehr über den Erwerb von Edelsteinen im Orient als über den Hintergrund des Gelübdes).

Der Bericht – der Anfangsteil ist verschollen – setzt erst kurz vor der Ankunft des Reisenden auf Rhodos im Mai des Jahres 1481 ein. Von dort aus gelangte Meshullam nach Ägypten. In Alexandria und Kairo – zwei Städten, denen er neben Jerusalem die ausführlichste Beschreibung widmete – verbrachte er nicht zuletzt aufgrund der Gastfreundschaft der örtlichen Judenschaft insgesamt mehr als einen Monat. Von Kairo aus führte der Weg auf der traditionellen Karawanenroute bis nach Jerusalem, das der Reisende im Juli erreichte. Er verweilte hier fast einen Monat. Zwar lag er davon einen beträchtlichen Teil der Zeit krank darnieder, das Gelübde jedoch war erfüllt. Nach einem Abstecher in die Metropole Damaskus trat Meshullam die Rück‧reise nach Italien an, das er mit einer christlichen Pilgergaleere im Oktober 1481 erreichte.

Wie auch für andere Reisende dieser Zeit war Meshullams mehrmonatige Reise voller dramatischer Situationen. Eine Seeschlacht mit der venezianischen Flotte vor Rhodos war ebenso zu überstehen wie mehrere Schiffbrüche. Zwar hat unser Reisender bei der Schilderung des Seegefechts an Dramatik nicht gespart: „Ein solches Gefecht hat man bis zum heutigen Tag nicht gesehen“, schreibt er, doch schwebte er tatsächlich in Lebensgefahr. Allgegenwärtig war im Mittelmeerraum zudem die Gefahr durch Piraten, denen Meshullam und seine Mitreisenden mehrfach nur um ein Haar entgingen. Eine schwere Erkrankung, die Bedrohung an Leib und Leben durch mordlustige Beduinen und heim‧tückische Fremdenführer – all dies sollte unseren Reisenden nach seiner Ankunft im Orient erst noch erwarten.

Gewiss war Meshullam nicht der einzige Pilger, der sich damals solchen Gefahren ausge-setzt sah. Aber nur wenige Reisende haben uns einen so anschaulichen Bericht über derartige Erlebnisse hinterlassen. Meshullams facettenreicher Text vereint dabei Elemente eines Reiseberichts mit denen eines Vademkcums und einer Landeskunde. Wir verdanken dem scharfen Auge des erfahrenen Bankiers und Kaufmanns eine Fülle von Informationen über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag im venezianisch dominierten Mittelmeerraum sowie im späten Mamlukenreich.

Die Sitten und Bräuche des Orients, die fremde Flora und Fauna, der Alltag auf hoher See, das militärische und politische Zeitgeschehen, die Fülle unbekannter oder kostbarer Waren sowie deren Preise – all dies beschreibt Meshullam mit einem mitunter auch kritischen Blick. Nicht selten gelangte der Reisende in seinem Beschreibungsdrang dabei an die Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten der damaligen hebräischen Sprache, so dass er ins vertrautere Italienisch ausweichen musste, so etwa in nautischen Fragen.

Auch beim Vergleich von Bauwerken und Landschaften dient nicht immer die Bibel als Referenz. Vielmehr fungiert hier die vertraute italienische Heimat als Maßstab: Kairo ist so groß wie acht norditalienische Städte, ein Obelisk in Alexandria so hoch wie der‧jenige in Rom, die Berge auf dem Weg nach Damaskus so gewaltig wie der Apennin bei Bologna. Die ägyptischen Pyramiden wiederum haben für unseren Reisenden eine diamantartige Form – und dies nicht etwa, weil es sich bei Meshullam um einen Edelsteinhändler handelt, sondern weil dem an Prunk geschulten Auge italienischer Reisender diese Assoziation offenbar zuerst kam. Hingegen bezeichnen nordalpine Reisende die Pyramiden oftmals etwas unbeholfen als „Türme mit spitzem Dach“.

Unzweifelhaft enthält Me-shullams Reisebericht, der christlichen Reiseliteratur vergleichbar, auch Abschnitte, die an eine „geistliche Buchführung“ mit ihren gewissenhaften Beschreibungen von heiligen Stätten und Gräbern erinnern. Dieser Aspekt drängt sich bei der Lektüre allerdings nicht in den Vordergrund. Vielmehr kann und sollte der heutige Leser den Reisebericht als ein vielschichtiges Selbstzeugnis lesen, das uns nicht nur über einen Reisenden zwischen mehreren Ländern, sondern über einen Menschen zwischen mehreren Welten und Sprachen unterrichtet.

Literatur:
Meshullam da Volterra, Von der Toskana in den Orient: Ein Renaissance-Kaufmann auf Reisen. Hrsg. von Daniel Jütte. Göttingen 2012.

20.03.2012, Quelle: Dr. Daniel Jütte

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