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Weimarer Republik

Emil J. Gumbel: politischer Mathematiker

Emil J. Gumbel. (TUM/ Foto: privat)

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issenschaftler der Technischen Universität München (TUM) haben neue Einzelheiten aus dem Leben des deutsch-amerikanischen Mathematikers Emil J. Gumbel veröffentlicht. Dabei steht das politische Wirken des gebürtigen Münchners in der Weimarer Republik im Fokus. Gumbel hatte mit seinen analytischen Datenerhebungen großen Anteil daran nachzuweisen, dass die Justiz vor allem auf dem rechten Auge blind war.

Matthias Scherer, Professor am Lehrstuhl für Finanzmathematik der TUM, und seine Mitarbeiter der TUM haben sich zum Ziel gesetzt, das Schicksal des nach dem Zweiten Weltkrieg fast vergessenen Mathematikers detailliert zu erforschen. „An Orten seines Schaffens haben wir Zeitzeugen oder deren Nachkommen aufgespürt und in Archiven neue Dokumente gefunden", so Scherer.

Rechte Morde analysiert

Gumbel kam 1891 in München zur Welt, studierte in der bayerischen Metropole Nationalökonomie und war maßgeblich an der Entwicklung der sogenannten Extremwerttheorie beteiligt. Dahinter verbirgt sich eine Methode, die sich mit der Datenanalyse unterschiedlichster Ereignisse befasst, von Naturkatastrophen bis hin zur Finanzbranche. Darüber hinaus war Gumbel politisch aktiv und Mitglied der USPD, später der SPD.

Weniger präsent ist, dass Gumbel zu den zentralen zeitgenössischen Figuren bei der Offenlegung justiziellen Fehlverhaltens in der Weimarer Republik gehörte und neben der Behandlung mathematischer und naturwissenschaftlicher Phänomene die Datenanalyse auch für gesellschaftspolitische Analysen einsetzte. Es gelang ihm, mit der Akribie eines Wissenschaftlers und unter Bezugnahme seiner Statistiken, die Nachlässigkeit der Justiz für jedermann sichtbar zu machen. So konnte er Anfang der 1920er Jahre nachweisen, dass im Zeitraum von 1919 bis 1922 rechtspolitisch motivierte Gewalttaten gegenüber Attacken der Linken deutlich überwogen. Darüber hinaus stellte er fest, dass von den begangenen 354 politischen Morden, die auf das Konto der Rechten gingen, 326 nicht verfolgt wurden. Die Quote der unbestraften linksextremistischen Vergehen lag mit 22 zu 4 dagegen deutlich niedriger. Schon die nackten Zahlen belegen laut Prof. Matthias Scherer „die rechtskonservative Tendenz, der die Justiz in dieser Zeit verfallen war".

Bereits 1919 wurde Gumbel selbst Opfer rechter Freikorps, als diese auf der Suche nach ihm seine Wohnung demolierten. Gumbel hatte Glück, dass er zu diesem Zeitpunkt im Ausland weilte und ihm somit ein schlimmeres Schicksal erspart blieb. Der gescheiterte Mordanschlag und die fehlende Ermittlungsbereitschaft der Justiz veranlassten den bekennenden Pazifisten daraufhin, die politischen Morde der Weimarer Republik mit großer Genauigkeit zu erfassen und in seinem Buch „Vier Jahre politischer Mord" zu dokumentieren.

Wissenschaftler als Staatsfeind

Die politische Gemengelage der Weimarer Republik mit rund 120 rechtskonservativen Freikorps führte allerdings dazu, dass große Teile der Gesellschaft dem politisch motivierten mathematischen Eifer Gumbels ablehnend gegenüber standen. Bei rechten und national-konservativen Gruppen avancierte der Mathematiker zunehmend zur Hassfigur. Auch sein 1924 publiziertes Buch „Verschwörer" über rechte Geheimzirkel brachte ihn in Konflikt mit reaktionären Kreisen der Republik. Den Vorwurf des Landesverrats konnte Gumbel jedoch aufgrund seiner fundierten Datensammlung widerlegen.

Folgenreicher als seine wissenschaftlich untermauerten Analysen waren Gumbels öffentliche Stellungnahmen. Als er sich 1932 kritisch über Kriegsdenkmäler äußerte, wurde ihm, dem vermeintlichen Unruhestifter, schließlich von der Universität seine Lehrerlaubnis entzogen. Kurz nach der akademischen Degradierung emigrierte Gumbel nach Frankreich wo er an der Pariser Sorbonne als Gastprofessor wirkte. 1940 endete auch dieser Lebensabschnitt: Nach dem Einmarsch der Wehrmacht war Gumbel dazu gezwungen, in die USA zu fliehen.

28.09.2017, Quelle: Redaktion DAMALS

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