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Großbritannien

Fehlschlag mit Kriegsanleihen wurde vertuscht

Glatt gelogen: Eidesstattliche Erklärung des Chefkassierers Sir Gordon Nairn zum vollständigen Verkauf der Krieganleihen. (National Archives)

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m Ersten Weltkrieg gab die englische Regierung Kriegsanleihen heraus, um die Kriegsanstrengungen zu finanzieren. Die Wertpapiere wurden stark beworben und als Erfolg gefeiert. Doch wie sich jetzt herausstellte, waren sie ein noch größerer Fehlschlag als bisher bekannt war. Der Mangel an Käufern wurde damals absichtlich vertuscht - der Chefkassierer der Bank of England schwor darüber sogar einen Meineid.

Boom von Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg begann, suchten die europäischen Länder nach Möglichkeiten, Geld für Waffen, Material, Heer und andere Kriegskosten aufzutreiben. Eine Lösung boten dafür die Kriegsanleihen - Wertpapiere, die von der Regierung herausgegeben und von wohlhabenden Bürgern des Landes erworben wurden. Deutschland schaffte es damals, mit solchen Staatsanleihen immerhin rund 60 Prozent ihrer Kriegskosten zu decken.

Anfang 1914 beschloss auch die britische Regierung ein großangelegtes Kriegsanleihen-Programm. 530 Millionen britische Pfund sollten über den Verkauf dieser Papiere eingetrieben werden. Entsprechend stark wurden diese Anleihen in den Zeitungen beworben: Wer sie kaufte, helfe dem Vaterland und profitiere zudem langfristig davon. Die Propaganda schien Erfolg zu haben: Am 23. November 1914 schrieb die Financial Times, dass die Anleihen bereits um 250 Millionen Pfund überzeichnet worden seien, "...und immer noch strömen die Anträge herein", so der Artikel.

Erster Blick in geheime Kriegsakten

Doch wie sich jetzt zeigt, war offenbar alles gelogen. Im Rahmen eines Projekts zum Finanzmarkt des Ersten Weltkriegs haben Norma Cohen von der Queen Mary University of London und ihre Kollegen erstmals Zugang zu historischen Akten der Bank of England erhalten. Unter ihnen waren auch brisante und gut 100 Jahre lang vertuschte Unterlagen zu den damaligen Kriegsanleihen.

Die Auswertung der Akten ergab: Das Anleihen-Programm war ein spektakulärer Fehlschlag. Weniger als ein Drittel der Wertpapiere wurden damals verkauft. "Das große patriotische Projekt, das den Krieg bezahlen sollte, war größtenteils purer Mythos", so Cohen. Nur eine kleine Gruppe reicher Finanziers, Unternehmen und weniger Privatleute hatte Anleihen im Wert von 91 Millionen Pfund erworben. Offenbar reichte Patriotismus allein nicht aus, um die Briten zu diesen Investitionen zu bewegen.

Die große Vertuschung

"Das Kriegsanleihen-Programm war ein solcher Fehlschlag, dass das Establishment sich gezwungen sah, dies zu vertuschen", berichtet Cohen. "Denn die Wahrheit hätte den Wert der noch ausstehenden Kriegsanleihen kollabieren lassen und damit auch künftige Versuche gefährdet, Kapital aufzutreiben." Hinzu kam: Wäre diese peinliche Pleite herausgekommen, wäre dies für die Propaganda der Deutschen ein gefundenes Fressen gewesen.

Damit der Mangel an Käufern geheim blieb, kaufte die Bank of England heimlich die restlichen Wertpapiere auf - und vertuschte dies in ihrer eigenen Bilanz. Die Kriegsanleihen wurden in den Akten nicht als Wertpapiere der Regierung geführt, sondern als Posten mit "anderen Sicherheiten", wie die Historiker berichten. Der Chefkassierer der Bank of England, Sir Gordon Nairn legte später sogar einen Meineid ab, um den Fehlschlag geheim zu halten: Er schwor in einer eidesstattlichen Erklärung, dass die gesamten 530 Millionen Pfund an Wertpapieren an die Öffentlichkeit verkauft worden seien.

Mehr Zinsen statt Patriotismus

"Dies ist das erste Mal, dass das volle Ausmaß der Vertuschungsbemühungen seitens der Regierung enthüllt worden sind", konstatieren die Forscher. Gleichzeitig enthüllen die historischen Akten, dass dieser Fehlschlag einen signifikanten Einfluss auf die folgenden Finanzierungsstrategien der britischen Regierung hatten. "Mit der Möglichkeit einer alliierten Niederlage konfrontiert, war Großbritannien sogar bereit, die Prinzipien der freien Wirtschaft aufzugeben, die die Regierungen in den Jahrzehnten vor 1914 geprägt hatten", erklärt Cohens Kollege Alastair Owens.

Das Scheitern des ersten Kriegsanleihen-Programms hatte deutlich gezeigt, dass die Bevölkerung mehr Anreize brauchte als nur den Patriotismus, um in die Anleihen zu investieren. Deshalb bot die Regierung in späteren Anleihen-Programmen deutlich höhere Prämien und zuvor undenkbare Steuererlässe für die Investoren, wie die Historiker berichten. 1917 gelang es der Regierung dadurch, enorme 2,1 Milliarden Pfund einzunehmen - allerdings zu einem Zinssatz von 5,4 Prozent.

Die Quittung erhielt der Staat nach Kriegsende: "Die Minister wurden dafür den Pranger gestellt, dass sie die Investoren damals zu gut dafür belohnt hatten, dass sie der Regierung ihr Kapital überließen", berichtet Cohen. "Denn in den 1920er Jahren stieg die Zinslast für diese Kredite auf fast 40 Prozent der Steuereinnahmen."

08.08.2017, Quelle: Queen Mary University of London

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