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Bronzezeit

Hieroglyphen-Fund: Rätsel der Seevölker gelöst?

Auschnitt aus der Abschrift der rund 3200 Jahre alten luwischwen Hieroglyphen. (Quelle: Luwian Studies)

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in fast 30 Meter langes Band von Hieroglyphen könnte entscheidende Hinweise auf eines der Rätsel der Bronzezeit liefern: die Identität der Seevölker. Ihre Angriffe sollen vor 3200 Jahren zum Niedergang der großen Hochkulturen beigetragen haben. Wer diese Seevölker jedoch waren, blieb unbekannt. Jetzt deuten die wiederentdeckten Hieroglyphen daraufhin, dass die Luwier, ein Bund von Königreichen in Kleinasien, die damals so gefürchteten Seevölker gewesen sein könnten.

Invasion der Seevölker

In der Bronzezeit erblühten rund um das östliche Mittelemeer gleich mehrere Hochkulturen: In der Ägäis herrschten die Mykener, in Kleinasien hatten die Hethiter ein großes Reich geschaffen. In der Levante profitierten die Küstenstädte Kanaans vom reichen Seehandel und in Ägypten erreichte das Neue Reich seine Blütezeit unter Ramses II. Doch all das fand vor rund 3200 Jahren ein Ende, die großen Reiche schrumpften, einige zerbrachen und verschwanden dann schließlich ganz.

Was damals diese spätbronzezeitliche Krise auslöste, blieb bisher unklar. Neben Naturkatastrophen könnte vor allem ein Klimaumschwung die Kulturen am Mittelmeer geschwächt haben. Doch es gibt auch Hinweise auf wiederkehrende Angriffe sogenannter "Seevölker": Inschriften und Darstellungen unter anderem am Totentempel von Ramses III. berichten, dass ein Bündnis von fremden Völkern Ägypten angriff und dass diese Völker ursprünglich "auf den Inseln inmitten des Meeres" lebten. Wer jedoch waren diese Seevölker?

Inschrift aus dem Reich der Luwier

Jetzt könnte ein wiederentdecktes Hieroglyphen-Fries das Rätsel der Seevölker lösen helfen. Dabei handelt es sich um eine knapp 30 Meter lange Inschrift, die einst eine Ruine in Beyköy in der heutigen Türkei zierte. Die Hieroglyphen sind in Luwisch verfasst, einer Sprache, die in der Bronzezeit in Kleinasien gesprochen wurde - und die heute nur noch von sehr wenigen Wissenschaftlern entziffert werden kann. Auch über die Kultur und das Volk der Luwier ist heute nur wenig bekannt - so wenig, dass sie teilweise den Hethitern zugerechnet werden.

Im Jahr 1878 soll ein Archäologe die 3200 Jahre alten Luwier-Hieroglyphen von Beyköy kopiert haben - gerade noch rechtzeitig. Denn schon wenig später nutzten Einheimische die Steinblöcke, um sie ins Fundament einer neuen Moschee einzubauen. Lange galt daher die Inschrift als verschollen. Doch im Sommer 2017 tauchte eine Kopie der Hieroglyphen wieder auf. Der englische Archäologe James Mellaart hatte sie besessen und als er starb, übergab sein Sohn die Schriften dem Geoarchäologen Eberhard Zangger von der Stiftung Luwian Studies.

Kriegszüge und Troja als Vasallenstaat

Die Wiederauffindung der luwischen Hieroglyphen hat es den Forschern erstmals ermöglicht, ihren Inhalt zu entziffern - und dieser hat es in sich: Wie Zangger berichtet, handelt es sich um detaillierte Schilderungen von Kriegszügen, die die Herrscher des luwischen Königreichs Mira gegen die Hethiter, aber auch Küstenstädte in der Levante und Ägypten unternahmen. Auf dem Höhepunkt der Kriege führten vier Fürsten aus Westkleinasien die vereinigte Flotte mit 500 Schiffen und 10.000 Kriegern gegen Zypern, Karkemisch und Syrien an. Den Beschreibungen nach kamen die Luwier dabei sogar bis an die Grenzen Ägyptens.

In der Inschrift wird auch die Stadt Troja mehrfach erwähnt. Den Übersetzungen der Forscher nach beschreibt sich König Kupantakuruntas von Mira darin an einer Stelle als der "Hüter von Troja" und ermahnt die zukünftigen Herrscher von Troja, die Stadt so zu schützen wie es der große König von Mira getan hatte. Aus dieser und anderen Stellen geht hervor, dass Troja damals vom Königreich Mira kontrolliert wurde, vorübergehend übernahmen sogar luwische Herrscher den trojanischen Thron.

Luwier-Bund als Seevölker?

Nach Ansicht von Zangger und seinen Kollegen von der Stiftung Luwian Studies könnten diese Schilderungen das Rätsel der bronzezeitlichen Seevölker lösen. Denn die Schilderungen der Kriegszüge sprechen dafür, dass ein Zusammenschluss mehrerer Königreiche in Kleinasien, darunter des Königreichs Mira, die gefürchteten Angreifer waren.

"Die Dokumente bezeugen, welche politische und militärische Macht die Königreiche im Westen Kleinasiens am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit hatten", schreiben die Wissenschaftler. "So wie sich die Funktion eines dreibeinigen Küchenhockers kaum verstehen lässt, wenn nur zwei Beine erhalten sind, bleibt das Ende der Bronzezeit unverständlich, wenn man nur Hethiter und Mykener, nicht jedoch die die Luwier in die Modelle mit einbezieht."

Drei Konflikte hintereinander

Dem Szenario von Zangger und seinen Kollegen nach führte vor rund 3200 Jahren eine Abfolge von gleich drei Konflikten zum Niedergang der großen Hochkulturen. Den Beginn machten demnach die Seevölker-Invasionen der Luwier. Dem folgte einige Jahre später ein Gegenangriff, bei dem die Mykener die Reiche Kleinasiens angriffen - dies könnte dem von Homer überlieferten Trojanischen Krieg entsprechen. Zuletzt lösten diese Kriege dann interne Unruhen in Mykene aus, die das Reich schließlich zerfallen ließen.

Ob dieses Szenario stimmt und ob die Kopie der luwischen Inschrift überhaupt echt ist, ist allerdings unter Historikern und Archäologen noch umstritten. Auch Zangger räumt ein, dass er erst dann von der Echtheit der Hieroglyphen überzeugt ist, wenn weitere Kopien dieser Inschrift auch unabhängig von Mellaarts Nachlass gefunden werden.

10.10.2017, Quelle: Luwian Studies

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