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Ausstellung in Hamburger Deichtorhallen zeigt erstmals rekonstruierte Wandmalerei des polnischen Juden Bruno Schulz

Malen um zu überleben

Die Bildkammer mit den Zeichnungen des Malers Bruno Schulz / Foto: B. Geissler

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er Filmemacher Benjamin Geissler lässt in seiner Videoinstallation in Hamburg virtuell den Raumschmuck wieder aufleben, den der polnisch-jüdische Künstler Bruno Schulz 1941 für einen SS-Offizier schaffen musste. Im Heft 05/2012 (Freimaurer – Logen, Meister, Rituale) wiesen wir auf das Projekt hin. Unter dem Titel „Die Bilderkammer des Bruno Schulz – das letzte Werk eines Genies. Eine mobile Installation von Benjamin Geissler“ zeigen die Hamburger Deichtorhallen in der Sammlung Falckenberg bis zum 9. September 2012 die Bilder und ihre traurige Geschichte.

Geschaffen wurden die Malereien im Jahr 1941 vom Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz. Dieser wurde 1941 von dem SS-Hauptscharführer Felix Landau, der für seine Brutalität und willkürlichen Erschießungen bekannt war, als „Leibjude“ gehalten. Im Auftrag des SS-Mannes musste er die Wände eines SS-Kasinos, den Neubau einer Reithalle und das Kinderzimmer im Hause Landau bemalen. Mit diesem Auftrag wähnte sich Schulz, der zuvor ständig von Deportationen bedroht war, sicher. Doch 1942 wurde er gemeinsam mit 264 anderen Juden auf offener Straße von der Gestapo erschossen.

Mehr als 50 Jahre später stieß Benjamin Geissler gemeinsam mit seinem Vater in der Villa Landau, die heute in der Ukraine liegt, bis zum Einmarsch der Wehrmacht jedoch in Polen lag, auf die Bilder des Malers. Im ehemaligen Kinderzimmer im Haus des SS-Mannes fand er die Zeichnungen verschiedener Märchengestalten an den Wänden. Der Filmemacher Geissler informierte die polnischen und ukrainischen Kulturbehörden von dem Fund, die über den Schutz der Malereien beraten sollen. Doch es geschah nichts dergleichen. Im Gegenteil: Wenige Monate nach der Entdeckung der Bilder schlugen Mitarbeiter der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem Teile der Fresken ab um sie mitzunehmen. Das Team eines ukrainischen Heimatmuseums tat es ihnen gleich. 3 Bruchstücke befinden sich nun in Israel, fünf in der Ukraine. Das Gesamtensemble war zerstört.

Benjamin Geissler sah es nun in seiner Verantwortung eine vollständige Rekonstruktion des Kunstwerks zu liefern. Denn er ist der Einzige, der alle Wände abfotografiert hat und so das Originalbild rekonstruieren kann. In der virtuellen Darstellung des Zimmers, die auch in der Ausstellung zu sehen ist, sieht man von Schulz interpretierte Motive aus den Märchenbüchern der Gebrüder Grimm. Und auf den zweiten Blick vielleicht auch wichtige Figuren aus Bruno Schulz‘ Leben: Seine Mutter und sein Vater scheinen in den surrealen Figuren verewigt, doch auch sein Unterdrücker Felix Landau.

Bis zum 9. September kann man die Ausstellung in Hamburg besuchen. Ab dem 15. September ist sie im E-Werk in Freiburg in Breisgau zu sehen. Ab dem 21. Oktober wandert sie dann weiter nach Luxemburg.

13.08.2012, Quelle: Benjamin Geissler

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