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Während 1941 Amphetamine für die Zivilbevölkerung in Deutschland wegen der hohen Suchtgefahr unter die strengen Auflagen des Opiumgesetzes gestellt wurden, waren sie im Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus in vielen Armeen ein wichtiger Bestandteil von operativen Planungen und Überlebensstrategien.

Pharmazeutische Waffen – Amphetamine im Krieg

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m 14. April 1940 begründete der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch, in einem Erlass die planmäßige Einführung leistungssteigernder Amphetamine in der Wehrmacht. „Die Erfahrung des Polenfeldzuges hat gezeigt, daß in bestimmten Lagen der militärische Erfolg in entscheidender Weise von der Überwindung der Müdigkeit einer stark beanspruchten Truppe beeinflusst wird. … Die Überwindung des Schlafs kann in besonderen Lagen wichtiger sein als jede Rücksicht auf eine etwa damit verbundene Schädigung, wenn durch den Schlaf der militärische Erfolg, die Sicherheit der ruhenden Truppe oder die Transportsicherheit gefährdet wird. Zur Durchbrechung des Schlafbedürfnisses stehen als leichtere Mittel die Anregungsmittel (Coffein, Schoka-Cola, starker Tee), als stärkere die Weckmittel (Pervitin und andere) zur Verfügung.“

Noch im selben Monat bestellte die Wehrmacht rund 35 Millionen Tabletten Pervitin für den Westfeldzug gegen Frankreich, der am 10. Mai 1940 begann. Bei Pervitin, das seit 1938 von den Berliner Temmler-Werken hergestellt wurde, handelt es sich um ein besonders starkes Amphet‧amin, ein Methylamphetamin. Ursprünglich als Mittel gegen Asthma und Herz-KreislaufBeschwerden entwickelt, wurde Pervitin bereits im Jahr der Markteinführung vom Militär auf seine psychoaktiven Eigenschaften hin untersucht. Belastungstests mit Studenten der Militärärztlichen Akademie erbrachten den Nachweis, dass Pervitin Müdigkeit und Hungergefühle unterdrückt, während gleichzeitig körperliche Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit erhöht werden und sich ein Gefühl von Optimismus und leichter Euphorie einstellt.

Die Tests wurden von der Wirklichkeit eingeholt, als das Deutsche Reich am 1. September 1939 Polen überfiel und die Probanden zu ihren Einheiten gerufen wurden. Der Krieg selbst wurde zu einem Feldversuch, da Pervitin durch den zivilen Gebrauch so bekannt und weit verbreitet war, dass sich viele Soldaten und Offiziere mit dem Präparat selbst versorgt hatten. Unter ihnen war auch der junge Gefreite und spätere Literatur‧nobelpreisträger Heinrich Böll, der in Briefen an seine Mutter häufig darum bat, ihm Pervitin nachzuschicken.

Noch mehr als der Polenfeldzug wurde der Feldzug gegen Frankreich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Erfolg der deutschen Operation hing von einem schnellen Vorstoß durch die Ardennen ab, die für große militärische Verbände als unpassierbar galten. Unentdeckt von der französischen Aufklärung, erreichten die ersten deutschen Panzerverbände in nur 57 Stunden die Maas bei Sedan. Rund 41 000 Fahrzeuge der Wehrmacht durchquerten die schmalen und kurvigen Täler der Ardennen innerhalb kürzester Zeit in Tag- und Nachtmärschen.

In der Memoirenliteratur zum Westfeldzug wird Pervitin häufig als ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Überwindung des Schlafbedürfnisses erwähnt, vor allem bei den motorisierten Verbänden. Im Lauf des Krieges spielte Pervitin vor allem bei den belastenden Langstrecken‧einsätzen der Marine und der Luftwaffe eine bedeutende Rolle.

Auch bei den Alliierten kamen Amphetamine zum Einsatz, bei den amerikanischen und britischen Streitkräften Benzedrin und bei den französischen Maxiton. 200 Millionen Amphetamin-Tabletten sind bei den US-Streitkräften für die Zeit des Zweiten Weltkriegs nachweisbar. Der allgemeine Einsatzcode der japanischen Marine, der JN25b, konnte von Commander Joe Rochefort von der US-Marine erst nach vielen Wochen äußerst konzentrierter Arbeit und hoher Dosen Benzedrin entschlüsselt werden.

Am 21. Februar 1944 zitierte die britische „Times“ das militärärztliche Büro der Royal Air Force mit der Aussage zu Benzedrin, dass es sich dabei um „das beste Arzneimittel handelt, um die Müdigkeit zeitweilig zu unterdrücken, wenn das Schlafbedürfnis die Sicherheit eines Einsatzes gefährdet.“ Gleichzeitig warnte die Zeitung aber auch davor, dass „kein Soldat mehr als 30 Milli‧gramm pro Woche einnehmen sollte“.

Überdosierungen konnten in der Tat die Wirkung der Amphetamine in ihr Gegenteil verkehren. Dies war auch in der deutschen Wehrmacht spätestens seit dem Westfeldzug bekannt. Anstatt Optimismus und Euphorie auszulösen, konnte die übermäßige Einnahme von Pervitin zu Depressionen, Angstzuständen und sogar Halluzinationen führen. Statt die Leistungsreserven des Körpers optimal zu nutzen, reagierte der Körper mit Herz-Kreislauf-Problemen, Schwindel und Übelkeit. Bei konstanter Einnahme von Pervitin stellten sich schon nach zwei bis drei Wochen Gewöhnungseffekte ein, die einen deutlichen Wirkungsverlust zur Folge hatten.

Die erkennbaren Suchtrisiken führten im Deutschen Reich 1940 zum Rezeptzwang für Pervitin und 1941 zu seiner Unterstellung unter die strengen Auflagen des Opium-gesetzes. Das Gesetz hatte jedoch nur im zivilen Leben Geltung, die Streitkräfte waren davon ausdrücklich ausge‧nommen. Aber auch die Wehrmachtsführung zog ihre Lehren aus den Erfahrungen im Westfeldzug und reduzierte die Ausgabe von Pervitin. Erst in den letzten beiden Kriegsjahren wurde der Pervitin-Verbrauch wieder deutlich erhöht. Insbesondere beim Kleinkampfmittelverband der Kriegsmarine, den Ein-Mann-Torpedos und den Klein-U-Booten, war Pervitin unverzichtbar. Um die kleinstmögliche Dosierung mit der größtmöglichen Wirkung festlegen zu können, wurden unter Aufsicht von Marineärzten grausame Menschenversuche mit Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen durchgeführt.

In den letzten Kriegsmonaten erhielten selbst die jugendlichen Luftwaffenhelfer in den Flakstellungen um Berlin Pervitin. Wenn der Unterricht am Tag durch Luftalarm unterbrochen wurde und die Lehrer Schutz in Bunkern suchten, mussten Schüler die Flakgeschütze gegen die amerikanischen Bomber und Jagdflugzeuge bedienen. Der Flakhelfer Siegfried Tonn berichtete, wie er als 16-Jähriger bei jedem nächtlichen Luftangriff der britischen Royal Air Force unter Aufsicht eines Unteroffiziers eine Tablette Pervitin nehmen musste, um die ständige Müdigkeit, unter der die Flakhelfer litten, zu bekämpfen.

Unmittelbar nach Kriegsende studierte Siegfried Tonn Chemie und stellte in der eigenen Wohnungsküche Pervitin als Partydroge her, für gelegentliche Studentenfeiern in den Ruinenkellern von Berlin. In den 1980er Jahren wurde die Partydroge „Ecstasy“ sehr populär, die in der Wirkung mit Pervitin vergleichbar ist und, wie Frederick V. Malmström von der U. S. Air Force Academy schrieb, eine spezielle Drogen-Kultur in Europa und den USA hervorbrachte.

Nach der Gründung von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee (NVA) wurde Pervitin auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“ für den Fall eingelagert, dass aus dem Kalten Krieg ein realer Krieg werden sollte. Die Bundeswehr vernichtete ihre Bestände Ende der 1970er Jahre, bei der NVA sind sie noch bis 1988 nachweisbar, beispielsweise in den Zentralen Dienstvorschriften für die Feldsanitätsausrüstung.

Amphetamine wurden sowohl auf französischer Seite im Algerien-Krieg und im Indo‧china-Krieg eingesetzt als auch von der US-Armee im ersten und zweiten Golfkrieg. Ihre Verwendung ist umstritten, insbesondere nachdem in der Presse der Vorwurf erhoben wurde, dass US-Piloten unter dem Einfluss des Amphetamins Dexedrine Konvois ihrer Verbündeten angegriffen hätten, wobei vier kanadische und neun britische Soldaten ihr Leben verloren.

In der Bundesrepublik Deutschland hat der aus unabhängigen Wissenschaftlern bestehende Wehrmedizinische Beirat des Bundesministers der Verteidigung erstmals angeregt, über die Verwendung von leistungsoptimierenden Substanzen in der Bundeswehr nachzudenken, wenn die Verabreichung der Präparate strengen Kontrollen unterliegt. Im Sommer 2007 sprach sich der Beirat einstimmig für die Empfehlung aus, „die Einnahme von Arzneimitteln zwecks Verminderung eines Abfalls der psycho-physischen Leistungsfähigkeiten … als ultima ratio unter bestimmten zeitlich und inhaltlich klar definierten Bedingungen“ zu akzeptieren.

17.02.2011, Quelle: Dr. Gorch Pieken

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