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Österreich-Ungarn

Sprachen-Wirrwarr in der Habsburger-Armee

Mit dieser Karikatur von Josef Benedikt Engl machte die Satirezeitschrift Simplicissimus 1907 die Sprachenvielfalt in der k. u. k. Armee zum Thema. (FWF/historisch)

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lf Regimentssprachen und unzählige Dialekte: Anfang des 20. Jahrhunderts war die Armee der österreichischen Habsburger ein wahres Sprach-Babylon. Denn um den vielen Völkern im Reich der k.u.k.-Monarchie gerecht zu werden, wurden die Sprachen der Regimenter nach dem Mehrheitsprinzip festgelegt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs jedoch verkehrte sich der Erfolg dieses Systems in einen gravierenden Nachteil, wie eine Historikerin jetzt herausgefunden hat.

Regimentssprache variabel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfasst das Reich der Habsburgermonarchie neben Österreich auch weite Teile Osteuropas. Zu ihm gehörten die Gebiete des heutigen Tschechien und der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Teile Bosniens sowie Teile Serbiens und Polens. Entsprechend viele Völker und Sprachen werden im k.u.k. Reich gesprochen.

Um dieser Sprachvielfalt Rechnung zu tragen, passte sich auch die Armee der Habsburgermonarchie an: Zwar war die Kommando- und Dienstsprache Deutsch, innerhalb der Regimenter aber wird die jeweilige Landessprache gesprochen. "Elf Sprachen sind es, die in Verwendung sind", schildert Tamara Scheer von der Universität Wien. Eine Zwölfte kam später dazu. Die Historikerin hat in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt untersucht, wie Kaiser, Armee, Soldaten und Heeresbürokratie mit der Vielsprachigkeit umgingen.

"Was damit bezweckt wurde, war, dass man den Soldaten die Möglichkeit geben wollte, sich in ihrer Sprache auszudrücken und während ihrer dreijährigen Dienstzeit keine andere aufgedrückt zu bekommen", erläutert Scheer. Zudem stand die Erwartung dahinter, dass dieses Entgegenkommen ein höheres Maß an Loyalität der Soldaten gegenüber Kaiser und König förderte. "Dieses System führte dazu, dass man national gesinnter Tscheche und dennoch kaisertreu und loyal zur Armee sein konnte, sagt die Historikerin. "In Friedenszeiten funktionierte das ganz gut."

Flexibel, wenn auch nicht ohne Probleme

Ganz ohne Probleme lief es allerdings auch dann nicht: Denn in vielen Gebieten Österreich-Ungarns wurden gleich mehrere Sprachen gesprochen. Welche Sprache dann im jeweiligen Regiment gesprochen wurde, entschied alljährlich aus Neue eine Erhebung. Dadurch wurden sprachliche Unstimmigkeiten immer wieder von Fall zu Fall entschieden - wenn auch nicht immer objektiv und gerecht. Doch weil die Regeln immer wieder flexibel ausgestaltet wurden, trug dies zur Resilienz des Konstrukts bei.

Der Nachteil: Der Zwang zur Entscheidung für eine Regimentssprache förderte entgegen seiner Intention das Denken in nationalen Kategorien. "Wer in Mähren lebte, einem weitgehend zweisprachigen Raum, und angab, von beiden Sprachen öfters Tschechisch zu sprechen, der kam in ein tschechisches Regiment", berichtet Scheer. Er wurde somit gleichsam zum Tschechen gemacht. Sein ebenfalls zweisprachiger Freund oder Bruder konnte dagegen in ein deutschsprachiges Regiment kommen und wurde so quasi zum Deutschen erklärt. "Das interessante ist, dass die Unzulänglichkeiten des Systems wohl erkannt, aber nie behandelt wurden", sagt Scheer.

Systemkollaps im Ersten Weltkrieg

Doch als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, kam dieses System an seine Grenzen: Aus der Vielfalt der erfolgreich koexistierenden Regimentssprachen wurde ein babylonisches Sprachengewirr. Denn auf den Schlachtfeldern Galiziens, Serbiens, Italiens und anderen Kriegsschauplätzen mischten sich die Regimenter plötzlich und Soldaten verschiedener Sprachgruppen mussten nun miteinander klarkommen. Tschechische, slowenische und kroatische Soldaten versuchten, diesem Sprachen-Wirrwarr durch die Entwicklung eines "Armee-Slawisch" entgegenzuwirken, welches auch viele Deutsche, Ungarn, Italiener und Rumänen beherrschten.

Doch das reichte nicht aus, um Misstrauen und Missverständnisse zu verhindern: "Mit dem Beginn des Krieges 1914 wurden Sprachen und ihre Sprecher in loyal und illoyal eingeteilt", berichtet Scheer. "Die deutsch sprechenden Österreicher unterstellten den Tschechen nicht treu zum Kaiser zu stehen." Schlimmer noch. Die Ruthenen wurden von den Polen verdächtigt und beschuldigt, Spione des Zaren zu sein. Und die Deutschsprachigen nahmen diesen Verdacht schnell auf. Je länger der Krieg andauerte, desto offener wurden Vorbehalte gegenüber anderen Sprachen demonstriert.

Die Folge waren massive Verbrechen und Gräueltaten der Armee an der eigenen Zivilbevölkerung, beispielsweise in Galizien. "Da gab es Akte der Missachtung, die in Friedenszeiten massiv geahndet worden wären", sagt Scheer. Das einst so erfolgreiche Konzept regionaler und flexibler Sprachenvielfalt löste sich in den Kriegswirren in Chaos auf und verschärfte sogar die Konflikte zwischen den Sprachfamilien des Habsburgerreiches, statt für mehr Loyalität zu sorgen.

07.11.2017, Quelle: Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF)/ Universität Wien

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